Verkehr prägt politische Agenda

Zahlreiche aktuelle politische Geschäfte in der Stadt und der Region St. Gallen haben mit Verkehr und Mobilität zu tun. Stadtpräsident Thomas Scheitlin über den Ausbau der Bahninfrastruktur und die dritte Röhre durch den Rosenberg.

Daniel Wirth
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Die Gesellschaft ist heutzutage mobiler denn je. Die Stadt St. Gallen muss mit anderen grossen Städten gut verbunden sein. (Archivbild: Luca Linder)

Die Gesellschaft ist heutzutage mobiler denn je. Die Stadt St. Gallen muss mit anderen grossen Städten gut verbunden sein. (Archivbild: Luca Linder)

Die grünliberale Kantonsrätin Erika Häusermann aus Wil erkundigt sich in einer Einfachen Anfrage, wie die Regierung zu einem Ausbau der SBB-Strecke St. Gallen–Winterthur steht. Wie ist Ihre persönliche Meinung in dieser Sache?

Thomas Scheitlin: Diese SBB-Strecke ist eine der wichtigsten Linien für die Stadt St. Gallen, wenn wir überregionale Linien anschauen. Für die Entwicklung der Stadt ist es zentral, dass wir mit anderen Wirtschaftszentren sehr gut verbunden und diese Verbindungen auch schnell sind.

Weshalb ist das zentral für die Entwicklung der Stadt St. Gallen?

Scheitlin: Das hat zwei ganz konkrete Gründe. Zum einen brauchen wir schnelle ÖV-Verbindungen, damit Menschen, die hier leben, beispielsweise in Winterthur oder Zürich arbeiten oder in umgekehrter Richtung nach St. Gallen pendeln können. Zum anderen sind kurze schnelle Wege nach Zürich und zum Flughafen wichtig für die Ansiedlung von Unternehmen im Raum St. Gallen. Kurz: Eine gute Anbindung an den öV ist ein sehr wichtiger Standortfaktor.

Hat die Stadt St. Gallen Zahlen, wie viele Pendler hier leben und auswärts arbeiten und umgekehrt?

Scheitlin: Die aktuellsten Zahlen bestehen für den Zeitraum 2011 bis 2013: 42 200 pendeln nach und 13 100 weg von St. Gallen. Auf den öV entfallen 19 800 Zupendler und 5600 Wegpendler.

Zu besseren ÖV-Verbindungen gibt es auch kritische Stimmen wie jene von Ralph Bleuer, dem Präsidenten der städtischen Detailhandelsorganisation Pro City, die wegen der neuen Schnellzüge St. Gallen–Konstanz um ihre Umsätze fürchtet. Was entgegnen Sie als Verfechter eines guten öV dem Detailhandel?

Scheitlin: Die neuen Schnellzüge sollte der Detailhandel der Stadt St. Gallen nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance. Wir müssen gemeinsam die Fähigkeit entwickeln, als Einkaufsstadt attraktiver zu werden. Hinzu kommt, dass heute über andere Kanäle weitaus mehr eingekauft wird als in Konstanz – nämlich übers Internet, und das können wir auch niemandem verbieten.

Und zahlreiche St. Galler Firmen sind direkt oder indirekt erfolgreich im Online-Versandhandel tätig.

Scheitlin: Richtig. Auch diese Unternehmen profitieren von kurzen Wegen und schnellen Verbindungen. Nochmals zurück zum Detailhandel: Die neuen Schnellzüge St. Gallen–Konstanz verkehren in beiden Richtungen.

Bahnausbau, dritte Röhre durch den Rosenberg, Teilspange bis zur Liebegg, Neugestaltung Bahnhof und Bahnhofplatz, Projekt für ein neues Depot der Verkehrsbetriebe St. Gallen (VBSG). Man bekommt leicht den Eindruck, der Verkehr bestimme die politische Agenda in St. Gallen und Mobilität sei alles.

Scheitlin: Mobilität ist für eine Zentrumsstadt tatsächlich von grosser Bedeutung. St. Gallen muss erreichbar sein. Und zwar auf Schienen und Strassen. Wenn es in oder um die Stadt regelmässig zu Stausituationen käme, hiesse es bald einmal: Aber nach St. Gallen fahren wir nicht. Eine gute Anbindung an den öV ist genauso wichtig wie leistungsfähige Autobahnen für den motorisierten Individualverkehr. Insofern sind Verkehrsfragen wichtig und bestimmen unsere politische Agenda mit.

Ein Teil der diskutierten Massnahmen zur so genannten Engpassbeseitigung ist ein Ausbau der Stadtautobahn SA1. Wie wichtig ist eine dritte Tunnelröhre durch den Rosenberg für die Stadt St. Gallen?

Scheitlin: Sie ist von sehr grosser Wichtigkeit. Ich erkläre auch, warum: Ein grosser Teil des innerstädtischen motorisierten Individualverkehrs wird über die Stadtautobahn SA1 abgewickelt. Auf ihr muss der Verkehr störungsfrei fliessen, damit die Autofahrer mit ihren Fahrzeugen nicht auf die Strassen in der Innenstadt ausweichen, um von Ost nach West oder von West nach Ost zu gelangen. Denn das hätte zur Folge, dass im Zentrum der öffentliche Verkehr letztlich im Stau steht.

In Zusammenhang mit der dritten Röhre durch den Rosenberg und der Teilspange hinauf zur Liebegg an der Grenze zum Appenzellerland kommt in der Stadt St. Gallen am 28. Februar eine wichtige Vorlage zur Abstimmung: die Güterbahnhof-Initiative der SP. Unabhängig, wie die Abstimmung ausgeht: das Resultat wird ein Signal an das Bundesamt für Strassen, das Astra.

Scheitlin: Der Stadtrat ist der Meinung, dass es sich um eine äusserst wichtige kommunale Abstimmung handelt. Eine Annahme des Begehrens wäre ein schlechtes Signal Richtung Bundesamt für Strassen. Aber mit der Teilspange zur Liebegg, die bei einer Ablehnung der Initiative realisierbar würde, entlasteten wir auch Quartiere, die heute unter einem starken Verkehrsaufkommen leiden.

Die Initianten begründen ihr Volksbegehren damit, eine Teilspange von der A1 hinauf zur Liebegg verunmögliche die städtebauliche Entwicklung des Güterbahnhofareals. Sie teilen diese Ansicht nicht, oder?

Scheitlin: Nein. Das von Bund, Kanton und Stadt skizzierte Strassenbauprojekt lässt eine städtebauliche Entwicklung des Areals zu. Eine Überbauung des Areals ist nicht gefährdet. Der Stadtrat verfolgt mit der Teilspange folgende Ziele: Entlasten von Quartieren vom Durchgangsverkehr und verhindern, dass der öV im Stau steht bei gleichzeitigem Erhalt der Möglichkeit zur Entwicklung des wichtigen Güterbahnhofareals.

Der Ausbau des Rosenbergtunnels und die Teilspange sind zusammen ein Milliardenprojekt. Kritiker hegen Zweifel an der Finanzierbarkeit. Wissen Sie schon, ob und wie viel Ausserrhoden zahlen wird?

Scheitlin: Nein. Aber ich bin sicher: Wir werden einen Verteiler für die hohen Kosten finden.

Die Stadt hat jetzt auch ein Mobilitätskonzept. Was bringt dieses?

Scheitlin: Wir hoffen unter anderem, dass wir viele Menschen dazu bewegen, vom Auto auf den öV umzusteigen. Zudem wollen wir die Situation für Fussgänger und Velofahrer verbessern.

Thomas Scheitlin Stadtpräsident St. Gallen (Bild: Urs Bucher)

Thomas Scheitlin Stadtpräsident St. Gallen (Bild: Urs Bucher)

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