«Verkaufswägeler» unter sich

GOSSAU. Ein Klassentreffen besonderer Art fand kürzlich in Gossau statt. 55 ehemalige Migros-Wagen-Mitarbeiter erinnerten sich an eine «sehr persönliche Zeit». Ein Abend voller Anekdoten über Pelati, versteckte Joghurts und dankbare Kunden.

Corinne Allenspach
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Der Wittenbacher Roland Früh leistete 1979 in Montenegro Katastrophenhilfe nach einem Erdbeben. Die Migros stellte ihre Wagen zur Verfügung. (Bilder: pd/Privatarchiv Roland Früh)

Der Wittenbacher Roland Früh leistete 1979 in Montenegro Katastrophenhilfe nach einem Erdbeben. Die Migros stellte ihre Wagen zur Verfügung. (Bilder: pd/Privatarchiv Roland Früh)

Armin Sturzenegger war 22jährig und Konditor bei der Jowa, als er praktisch über Nacht zum jüngsten Verkaufswagen-Chauffeur der damaligen Genossenschaft Migros St. Gallen, heute Migros Ostschweiz, wurde. «Sie suchten einfach jemanden, der gross und stark war», erinnert sich der inzwischen 77-Jährige aus Speicherschwendi. Nach kurzer Einführung bekam er 1957 einen Verkaufswagen der Marke Bedford, später einen Saurer, mit dem er fortan die Thurgauer Tour übernahm.

Für Sturzenegger ging damit ein Bubentraum in Erfüllung. Schon als Kind habe er sich gedacht, als der Verkaufswagen im Dorf vorbeikam: «Das will ich auch mal machen. Als Chauffeur ist man noch jemand.» Zehn Jahre war er «Verkaufswägeler», bevor er Kostenstellenleiter im Do-it in der Migros St. Fiden wurde. Zu Sturzeneggers Pension gab's eine besondere Überraschung: Seine Kollegen holten ihn mit seinem alten Saurer ab, der heute noch bei der Mosterei Möhl in Arbon im Einsatz steht.

Spalier stehen und Kafi als Dank

Wer kürzlich im «Hofstadl» in Gossau war, wähnte sich an einem Klassentreffen der besonderen Art. 55 ehemalige «Verkaufswägeler» tauschten allerlei «Weisch no?»-Anekdoten aus. «Die meisten sagen, wenn es die Verkaufswagen noch gäbe, würden sie noch dort arbeiten», sagt Silvia Kellenberger vom OK, das alle fünf Jahre einen «Verkaufswägeler-Treff» organisiert.

17 Jahre sind es inzwischen her, seit im November 1997 die Verkaufswagen-Ära in der Region zu Ende ging. Die letzte Generation Wagen habe stolze 700 000 Franken pro Fahrzeug gekostet, weiss der Wittenbacher Roland Früh, der seit 40 Jahren Chauffeur bei der Migros ist und seither alle Lastwagen fotografiert und Hunderte alter Fotos archiviert. Überhaupt seien die Verkaufswagen stets ein Defizitgeschäft gewesen. «Es war einfach eine Dienstleistung.» Weil früher das Ladennetz noch nicht so dicht war und viele Frauen nicht Auto fahren konnten.

Für Kundinnen und Mitarbeiter war die Zeit aber in erster Line eins: sehr persönlich. So persönlich, dass die Kundschaft sogar Spalier stand, wenn ein Verkaufswagen-Chauffeur heiratete, wie Luciano Di Sabatino aus Kradolf erzählt. Er selber habe seinen Beruf «richtig gelebt» und den Hausfrauen jeweils das Mineralwasser bis in den Keller getragen. «Das wurde sehr geschätzt, und im Winter luden sie uns zu einem Kafi-Schnaps ein.»

1925 sechs Produkte im Angebot

Aber nicht bei allen waren die fahrenden Läden gern gesehen. Als Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler am 25. August 1925 mit den ersten fünf Verkaufswagen in Zürich startete, um Lebensmittel günstig direkt an Private zu verkaufen, war die Migros allen ein Dorn im Auge: den Parteien und Politikern, Gwerblern und Gewerkschaften. Nur den Frauen nicht. Duttweiler richtete sich denn auch in seinem ersten Flugblatt zur Gründung der Migros «an die Hausfrau, die rechnen muss, und an die intelligente Frau, die rechnen kann». Sechs Artikel waren 1925 im Angebot: Kristallzucker, Würfelzucker, Teigwaren, Kaffee, Reis und Seife. Auf Bestellung gab's zudem Kokosnussfett.

Seelendoktor und Taxidienst

Später wurde das Sortiment regional angepasst. Im Rheintal seien beispielsweise viele Österreicher gekommen, um Zucker zu kaufen. Und in Degersheim hiess es lange Zeit nur «Pelati, Pelati», sagt Luciano Di Sabatino. «Im Dorf lebten viele Italiener.» Auf der Tour über den Hemberg übernahmen die Chauffeure gleich noch den Postautodienst. Weil dieses früher nur selten fuhr, luden sie jeweils alle Leute ein, die an der Strasse standen.

Oft galt es auch, den Seelendoktor zu spielen, und fast immer wurden die Verkaufswagen freudig erwartet. Nicht nur von den Hausfrauen, auch von Hunden und Katzen, die genau wussten, wann es ein «Leckerli» gab. Hausfrauen wie Haustiere seien denn auch «grad enttäuscht gewesen, wenn mal ein anderer Chauffeur kam», wie Luciano Di Sabatino weiss.

Verwundert war jene fordernde Kundin, die von weitem rief: «Haselnussjoghurt muss ich haben!» Eines Tages versteckte der Chauffeur aus Scherz das Joghurt, entschuldigte sich, dass es nicht verfügbar sei, und riet der Frau, stattdessen Naturejoghurt mit Haselnüssen zu mischen.

Einsatz im Katastrophengebiet

Weniger anspruchsvoll war die Kundschaft von Roland Früh. Der Wittenbacher hatte 1979 als 25-Jähriger einen speziellen Einsatz: Er leistete in Montenegro nach einem schweren Erdbeben Katastrophenhilfe. Die Migros stellte dafür Wagen zur Verfügung, gefüllt wurden sie mit Produkten vor Ort. Wegen der vielen Nachbeben war es einigen Schweizer Chauffeuren zu gefährlich, und sie kehrten rasch heim. Daraufhin übernahmen einheimische Chauffeure das Steuer. Roland Früh blieb. Sechs Wochen, bis die Migros ihn und die Wagen zurückholte. Die Menschen hätten zwar noch länger Hilfe gebraucht, sagt er: «Aber leider haben einheimische Chauffeure angefangen, Restaurants mit Alkohol zu beliefern.»

Luciano Di Sabatino, 51 «Verkaufswägeler» 1988 bis 1993 (Bild: ADI)

Luciano Di Sabatino, 51 «Verkaufswägeler» 1988 bis 1993 (Bild: ADI)

Armin Sturzenegger, 77 «Verkaufswägeler» 1957 bis 1967 (Bild: ADI)

Armin Sturzenegger, 77 «Verkaufswägeler» 1957 bis 1967 (Bild: ADI)

Roland Früh, 60 seit 40 Jahren Migros-Chauffeur (Bilder: Corinne Allenspach)

Roland Früh, 60 seit 40 Jahren Migros-Chauffeur (Bilder: Corinne Allenspach)

Einer der Wagen von 1925 steht beim Migros-Bund in Zürich. (Bild: ADI)

Einer der Wagen von 1925 steht beim Migros-Bund in Zürich. (Bild: ADI)

Mit solchen Bildern warb die Migros 1969 für ihre Verkaufswagen. (Bild: ADI)

Mit solchen Bildern warb die Migros 1969 für ihre Verkaufswagen. (Bild: ADI)

Holzchratten statt Plastiksäcke: Einkaufen Ende der 1950er-Jahre. (Bild: ADI)

Holzchratten statt Plastiksäcke: Einkaufen Ende der 1950er-Jahre. (Bild: ADI)

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