Vergnügliche Generalprobe

Schnelle Fragen, kurze Antworten, spürbare Nähe zum Publikum: Das Tagblatt-Podium zum zweiten Wahlgang für die St. Galler Regierung vom 24. April bot gestern abend beste Polit-Unterhaltung.

Christoph Zweili/Regula Weik
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ST. GALLEN. «Whiskeyland» heisst es mit grossen Buchstaben an der Fassade der Olma-Halle. Doch drinnen gibt es keine whiskeyschwangere Runde, sondern eine kurzweilige, aufgeweckte Politdebatte mit den vier Kandidierenden für die Regierung. Esther Friedli (SVP), Richard Ammann (BDP), Andreas Graf (Parteifrei SG) und Marc Mächler (FDP) halten dem Fragen-Trommelfeuer von Tagblatt-Blattmacher Jürg Ackermann und Ostschweiz-Ressortleiter Andri Rostetter gut stand.

Mächler, der sich gerade noch zusammen mit 35 echten Fans auf den Stufen der Arena hat ablichten lassen, um die Scharte vom geschönten Modelplakat auszuwetzen, behauptet sich als kundiger Politprofi und Finanzfachmann. Esther Friedli zeigt im eleganten Deux-Pieces mehr Profil als bisher – sie wirkt spontaner als bei früheren Auftritten. Ammann wirkt zurückhaltend, aber sicher und fundiert bei Schulfragen. Graf nennt das Volk als «meine Basis» und wettert gegen die etablierten Parteien, gleichzeitig wagt er sich staatsmännisch an den Bühnenrand, um eine Publikumsfrage zu beantworten.

«Fehlentscheid» in Therwil

Der verweigerte Händedruck von zwei moslemischen Schülern gegenüber ihrer Lehrerin in Therwil beschäftigt auch die Podiumsteilnehmer. Für Mächler ist der Dispensentscheid der Baselländer Oberstufengemeinde «ein klarer Fehlentscheid». Auch Friedli toleriert den Entscheid nicht. Es vermittle ein Frauenbild, das «mit aller Deutlichkeit abgelehnt werden muss». Es gebe Regeln, an die sich alle zu halten hätten. Für Sekundarlehrer Ammann geraten durch solche Vorkommnisse auch sämtliche Ausländer, die sich anpassen, «in Sippenhaft». Für Graf ist es «unstatthaft», einen Handschlag zu verweigern.

Frauenquote als Anschubmittel

«Ich muss wohl etwas ellbögeln, um in dieser Männerrunde gehört zu werden», bemerkt Esther Friedli schalkhaft. Damit ist das Thema der Frauenförderung lanciert. Heute sitzt nur eine Frau in der Regierung. Eine zweite Frau, eine bürgerliche, wäre dringend notwendig, ist Friedli überzeugt. «Ich will keine Quotenfrau sein», sagt sie, nachdem sich Ammann als einziger in der Runde als Befürworter von Frauenquoten geoutet hatte – «als Anschubhilfe, weil Frauen die Netzwerke und die Seilschaften der Männer fehlen», wie er präzisierte. Umgehend kommt Friedlis Einwurf: «Dann kann ich ja mit ihrer Stimme rechnen?!»

Mächler würde sich auch in der Regierung für die in der eigenen Familie gelebte Vereinbarkeit von Familie und Beruf stark machen. Graf hat als Hausmann «viel dazu gelernt». Frauen seien selbstbewusst und bräuchten «keine Steigbügel in Form von Quoten».

Ja, eher Ja, Nein, eher Nein und Joker: Diese Antwortmöglichkeiten haben die Kandidierenden auf zehn Fragen in der zackigen Schlussrunde; sie machen zügig mit. Nur zweimal wird der Joker gezogen – so nicht ganz unerwartet von Esther Friedli bei der Frage, ob die bilateralen Verträge mit der EU für das Wohlergehen der Schweiz entscheidend seien. Mächler und Ammann bejahen diese, Graf verneint sie.

Wie viele Ferien hatte Friedli?

«Einen Fall Wüst darf es nicht mehr geben», antwortet Mächler auf die Frage aus dem Publikum. «Ich sehe vor allem ein Führungsproblem der Chefin.» Er schüttelt auch den Kopf darüber, dass die Gesamtregierung der Entschädigung zugestimmt hat. Wie viele Ferien hatte Esther Friedli bei ihrem Abgang als Generalsekretärin im Bildungsdepartement angehäuft? «Ich liess mir zwei Wochen Ferien auszahlen, drei Wochen habe ich noch bezogen.»

Blitzeintritt – Blitzaustritt

Auf die Frage, ob sie nach ihrem Blitzbeitritt zur SVP bei einer Nicht-Wahl einen ebenso rassigen Ausstieg plane, meint Friedli: «Ich kann Sie beruhigen. Ich bleibe dabei.» Sie sei gut verankert in der Partei: «Ich kenne die SVP sehr gut – aus verschiedenen Gründen.» Diese versteckte Zweideutigkeit – ihr Lebenspartner ist der nationale Parteipräsident Toni Brunner – quittieren die 300 Gäste mit spontanem Applaus. Eine Szene von mehreren, die zeigt: Politik kann auch unterhaltsam sein.

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