VERFAHREN: Zweite Chance für jungen Straftäter

Statt einen jungen Mann ins Gefängnis zu schicken, hat ihm das Kreisgericht ein Antiaggressionsprogramm auferlegt. Damit sei der Gesellschaft besser gedient.

Claudia Schmid
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Der Beschuldigte war erst 18 Jahre alt, als er zusammen mit einigen Kumpels auf dem Pausenplatz einer Schule einen Teenager angriff und eine Lehrerin bedrohte, in Kreuzlingen einen Fussgänger überfiel und einen Taxifahrer ausraubte und am St. Galler Hauptbahnhof Securitas-Mitarbeiter anpöbelte. Sein junges Alter, seine Geständnisbereitschaft, seine Reue und sein Wille, an seinen Problemen zu arbeiten, veranlassten die Staatsanwaltschaft, ihn im abgekürzten Verfahren anzuklagen.

Der Staatsanwalt beantragte dem Kreisgericht, der junge Mann sei des Angriffs, der mehrfachen Nötigung, des mehrfachen, teils versuchten Raubes und des Ungehorsams gegen Anordnungen eines Sicherheitsorgans des öffentlichen Verkehrs schuldig zu sprechen. Als Sanktion schlug er eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren und eine Busse von 300 Franken vor. Während der Probezeit von drei Jahren sei Bewährungshilfe anzuordnen und die Weisung zu erteilen, unter ihrer Aufsicht und Anordnung ein Antiaggressionsprogramm zu absolvieren und sich psychotherapeutisch behandeln zu lassen. Die Weisungen müssten maximal fur die Dauer der Probezeit gelten oder solange es die Bewährungshilfe oder der Therapeut als notwendig erachteten.

Bedingte Freiheitsstrafe tief angesetzt

Er wisse, dass die Höhe der bedingten Freiheitsstrafe angesichts der Schwere der Straftaten recht tief angesetzt sei, betonte der Staatsanwalt. In diesem Fall gehe es aber um die Frage, ob ein Gefängnisaufenthalt tatsächlich die richtige Lösung sei. Führten das Antiaggressionsprogramm und die Psychotherapie zum Ziel, sei sowohl dem Beschuldigten als auch der Gesellschaft besser gedient.

Er habe seit seiner Kindheit immer wieder starke Aggressionen, die er nicht kontrollieren könne, erklärte der Beschuldigte an der Gerichtsverhandlung. «Sie brechen einfach aus.» Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft habe er aber einiges in seinem Leben geändert. So wohne er zum Beispiel wieder bei den Eltern und nicht mehr mit den Kumpels zusammen. Weil in der Wohngemeinschaft stets das Geld gefehlt habe, seien er und seine Kollegen auf die verhängnisvolle Idee gekommen, Passanten und Taxifahrer zu überfallen. Seit er wieder zu Hause wohne, sei er ruhiger geworden, sagte der Beschuldigte weiter. Ihm sei bewusst, dass er die von der Anklage beantragte bedingte Freiheitsstrafe nur dann nicht absitzen müsse, wenn er keinen «Seich» mehr mache. Deshalb sei er motiviert, seine Aggressionen und Ausbrüche mit Hilfe einer Therapie unter Kontrolle zu bringen.

Anträge zum Urteil erhoben

Die Verteidigerin des Beschuldigten unterstützte die Anträge der Anklage. Ihr Mandant zeige Reue. In der Zwischenzeit sei ihm auch klar, welchen Schaden er mit seinen Aggressionen bei den Opfern angerichtet habe.

Das Kreisgericht St. Gallen stimmte dem abgekürzten Verfahren zu und erhob sämtliche Vorschläge, welche die Staatsanwaltschaft gemacht hatte, zum Urteil. Bleiben die Verfahrenskosten, die der Beschuldigte selbst tragen muss: Sie liegen in der Höhe von rund 10000 Franken.

Claudia Schmid

stadtredaktion@tagblatt.ch