«Velowege zu wenig attraktiv»

Die Debatte um den städtischen Verkehr hält an: Die Grünliberalen bemängeln den Zustand der Velowege, die Jungen Grünen kritisieren den Stadtpräsidenten. Dieser ignoriere den Volkswillen.

Tobias Hänni
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Die Grünliberalen und die Jungen Grünen der Stadt St. Gallen schalten sich in die Diskussion um den kürzlich publizierten Städtervergleich «Mobilität» ein. Beide Parteien beziehen in Medienmitteilungen kritisch Stellung zu den Resultaten der Studie. Diese hat gezeigt, dass St. Gallen von den sechs grössten Deutschschweizer Städten den höchsten Anteil an Individualverkehr hat, beim öV und beim Langsamverkehr aber deutlich zurückliegt (Tagblatt vom 8. Februar).

Lange warten an Kreuzungen

Der GLP ist insbesondere der tiefe Anteil an Velofahrern am gesamten Verkehrsaufkommen ein Dorn im Auge. Die aktuelle Debatte um die Studienergebnisse lässt für die Partei etwas Wichtiges ausser Acht: «Das Angebot bestimmt die Nachfrage.» Dies gelte auch für den Veloverkehr, schreibt die Partei in ihrem Communiqué, der Städtevergleich spreche eine deutliche Sprache.

Die vergleichsweise bescheidene Nutzung des Velos in St. Gallen kann für die Grünliberalen nicht einzig auf die topographischen Verhältnisse zurückgeführt werden. «Auch wenn St. Gallen höher liegt als andere Städte und es bei Querbeziehungen nicht die ideale <Velostadt> ist.» Mit den topographischen Besonderheiten hatte die Stadt nach Bekanntwerden der Studienresultate argumentiert.

Für die GLP «schöpft St. Gallen sein städtisches Potenzial bei weitem nicht aus», heisst es weiter. «Die Angebote – sprich die St. Galler Velowege – sind einfach zu wenig attraktiv.» Velowege würden oft vor heiklen Kreuzungen enden, die Wartezeiten an Lichtsignalen seien für Velofahrer viel länger als für Autofahrer. «Sogar einen Parkplatz zu finden ist fürs Auto einfacher als fürs Velo.»

Bloss fünfte Priorität

Als störend empfinden die Grünliberalen ausserdem den Zustand der Velowege während der Winterzeit. «Velofahren im Winter mag nicht jedermanns Sache sein. Doch wer den Versuch wagt, dem vergeht die Lust beim Versuch, die Velowege zu benutzen.» Aus Sicht der GLP werden die Wege für die Ablagerung von Schnee oder als zusätzliche Parkfläche genutzt. Sogar Velohauptrouten hätten bei der Schneeräumung bloss fünfte Priorität. «Dies machen Beispiele in der Innenstadt deutlich», schreibt die Partei.

Für die Grünliberalen braucht es nicht ausschliesslich «grosse Würfe», um St. Gallen velotauglicher zu machen. «Häufig kann schon mit vertretbaren, organisatorischen Verbesserungen eine Attraktivitätssteigerung erreicht werden.»

Volk nicht ernst genommen

Die Jungen Grünen kritisieren in ihrer Mitteilung vor allem den hohen Anteil des Autoverkehrs. Für die Partei ist dieser «Grund genug, sich das Reglement für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung mehr zu Herzen zu nehmen». Das von der St. Galler Stimmbevölkerung mit grosser Mehrheit angenommene Reglement fordere, dass der motorisierte Individualverkehr nicht weiterwachsen dürfe.

Diametral zu dieser Forderung steht für die Jungen Grünen die Aussage von Stadtpräsident Thomas Scheitlin zur Mobilitätsstudie, wonach es undenkbar sei, dass der Individualverkehr bei steigendem Verkehrsaufkommen nicht mitwachse. «Deutlicher kann man dem Willen der Bevölkerung nicht widersprechen», so das Urteil der Jungen Grünen. Die Aussage lasse nur einen Schluss zu: «Der Stadtpräsident nimmt Abstimmungsergebnisse und damit die Bevölkerung nicht ernst.»

Verkehrsreglement umsetzen

Die Jungen Grünen verlangen in ihrem Communiqué vom Stadtpräsidenten, «dass er demokratische Entscheide respektiert». Er solle seine Aussage korrigieren und sich voll und ganz hinter die Ziele des Verkehrsreglements stellen. Ausserdem müsse er für dessen Umsetzung mit dem Gesamtstadtrat Massnahmen treffen.

Dazu gehören nach Ansicht der Jungpartei, dass der Stadtrat den Langsamverkehr fördert, die Anzahl Parkplätze reduziert sowie die Fussgängerzonen ausbaut.