Vegetarier auf der Wartebank

Gastronomiebetriebe mit ausschliesslich vegetarischen Menus sucht man in St. Gallen vergeblich. Dies, obwohl solche Konzepte andernorts mit Erfolg umgesetzt werden. Die Nachfrage nach Vegi-Restaurants besteht aber auch bei uns.

Anina Rütsche
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In Winterthur befindet sich seit 2002 das von St. Gallen aus nächstgelegene «Tibits». Das Lokal bietet ausschliesslich vegetarische Speisen an. (Bild: pd)

In Winterthur befindet sich seit 2002 das von St. Gallen aus nächstgelegene «Tibits». Das Lokal bietet ausschliesslich vegetarische Speisen an. (Bild: pd)

«Die Zeit dafür ist reif, ja gar überreif», sagt Renato Pichler, wenn es um vegetarische und vegane Restaurants geht. Pichler ist Veganer und Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus (SVV) mit Sitz in Winterthur. Während es andernorts bereits seit längerem reine Vegi-Restaurants gibt, ist man in St. Gallen laut Pichler noch weit von solchen Konzepten entfernt. Pichler führt diesen «Missstand» darauf zurück, dass die Ostschweiz im Vergleich mit anderen Schweizer Regionen generell etwas konservativ sei. «Die mehrheitlich ländliche Bevölkerung hat noch immer Vorurteile gegenüber vegetarischer und veganer Ernährung», sagt Pichler, und die Entrüstung ist ihm anzumerken.

Viele kombinierte Angebote

René Rechsteiner, Präsident von Gastro Stadt St. Gallen und Inhaber des Restaurants Bierfalken, beurteilt die Situation für hiesige Vegetarier weniger dramatisch: «Es gibt mittlerweile viele Betriebe, auf deren Speisekarten unter anderem vegetarische Menus zu finden sind. Diese Kombination hat sich bewährt.» Auch im «Bierfalken» gehe man auf diese Weise vor, denn es sei wichtig, den unterschiedlichen Bedürfnissen der Gäste zu entsprechen. Dennoch vermutet Rechsteiner, dass trendige vegetarische Restaurant-Ketten wie «Hiltl» oder «Tibits» aus Zürich gute Chancen hätten in St. Gallen: «Diese Marken sind bekannt und haben sich bewährt. Ihre Konzepte würden auch in der Ostschweiz funktionieren.»

Vegi-Pioniere aus Rheineck

Das «Haus Hiltl» in Zürich, 1898 eröffnet, ist gemäss dem Guinnessbuch der Rekorde das älteste vegetarische Restaurant der Welt. Mittlerweile wird der Familienbetrieb von der vierten Generation geführt. Ebenfalls ein vegetarisches Familienunternehmen ist das «Tibits». Ende der 1990er-Jahre hatten die Brüder Reto, Christian und Daniel Frei die Idee, ein hochstehendes vegetarisches Fast-Food-Lokal mit grossem Buffet-Angebot und Take-Away zu gründen. Im Jahr 2000 eröffneten sie, zusammen mit der Familie Hiltl, das erste «Tibits» in Zürich. Mittlerweile gibt es fünf dieser Lokale in der Schweiz und eines in London. Das für St. Galler nächstgelegene «Tibits» befindet sich in Winterthur. Bemerkenswert ist, dass es sich bei den Vegi-Pionieren Frei ausgerechnet um Ostschweizer handelt – die drei Brüder stammen aus Rheineck.

Nachfrage wäre vorhanden

Daniel Frei engagiert sich nach über einer Dekade noch immer mit Freude fürs «Tibits». So liegt ihm viel daran, das Vegi-Restaurant in neue Städte zu bringen «Schon oft habe ich darüber nachgedacht, dass es an der Zeit wäre, <Tibits> endlich in meine Heimatregion zu bringen», sagt er. «Leider haben wir bisher noch keinen passenden Standort in St. Gallen gefunden.» Seit mehreren Jahren werde nach einem solchen gesucht, verrät Frei. Der Wunsch nach einem St. Galler «Tibits» geht nicht nur von dessen Gründern aus. Er ist auch im Internet-Gästebuch von «Tibits» zu finden. «Ich vermisse euch sehr in St. Gallen», heisst es beispielsweise in einem Eintrag von 2003. «Die Bratwurst in Ehren, aber wenn sonst alles brachliegt… Traurig!»

Dass es bisher nicht geklappt hat mit einem St. Galler «Tibits», habe mit den baulichen Merkmalen zu tun, welche alle «Tibits»-Restaurants erfüllen müssen: Zentrale Lage, Erdgeschoss, hohe und helle Räume, eine Grundfläche von mindestens 200 Quadratmetern. Zudem sollen sich die Räume in einer Eckliegenschaft befinden. «Denn zu jedem <Tibits> gehört ein Bereich mit Aussensitzplätzen, und Eckliegenschaften bieten diesbezüglich mehr Platz dafür», erklärt Frei.

Seit Jahren auf der Suche

Daniel Frei und seine Brüder prüfen nun schon seit Jahren, wo sie in St. Gallen ein «Tibits» eröffnen könnten. «Manchmal gehe ich durch die Altstadt und fotografiere Häuser, zu denen unser Lokal passen würde.» Da war zum Beispiel das Haus am Bärenplatz, wo sich heute die Buchhandlung «Rösslitor» befindet. Doch dort sei ein Mieter für die gesamte mehrstöckige Liegenschaft gesucht worden – was nicht den Bedürfnissen der «Tibits»-Brüder entsprach. Ebenfalls im Gespräch war die Lokremise. «Ein wunderschönes Gebäude», schwärmt Daniel Frei, «aber leider zu wenig zentral für uns.»

Mut für Neues ist gefragt

Bis St. Gallen zu seinem ersten Vegi-Lokal kommt, werden wohl noch viele grüne Spargeln in den Himmel wachsen. Gastro-Präsident René Rechsteiner ist sich der Marktlücke bewusst. «Bisher hat sich einfach noch niemand getraut, in der Stadt ein rein vegetarisches Restaurant zu eröffnen», erklärt er. «Das würde eine grosse Portion Mut brauchen. Denn das Zielpublikum ist hier schlicht und einfach kleiner als in Städten wie Zürich.»