Vadian und Gallus haben Narrenfreiheit

Unter dem Pseudonym Vadian äussert sich derzeit ein Unbekannter auf Twitter zum Stadtgeschehen. Neuerdings gesellt sich auch ein Gallus 2.0 zur zwitschernden Gemeinde. Stadtarchivar Stefan Sonderegger findet die Verwendung der Namen der Stadtlegenden nicht verwerflich.

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Stefan Sonderegger Stadtarchivar der Ortsbürgergemeinde St. Gallen (Archivbild: Coralie Wenger)

Stefan Sonderegger Stadtarchivar der Ortsbürgergemeinde St. Gallen (Archivbild: Coralie Wenger)

Unter dem Pseudonym Vadian äussert sich derzeit ein Unbekannter auf Twitter zum Stadtgeschehen. Neuerdings gesellt sich auch ein Gallus 2.0 zur zwitschernden Gemeinde. Stadtarchivar Stefan Sonderegger findet die Verwendung der Namen der Stadtlegenden nicht verwerflich. Im Gegenteil: Dass sich die geschichtsträchtigen Figuren als Beobachter des Zeitgeschehens zurückmelden, findet er ein «lustiges Unterfangen».

«Als historische Figuren geniessen die beiden in der Gegenwart eine gewisse Narrenfreiheit.» Ähnlich einem Satiriker könnten sie sich pointiert äussern, ohne dass gleich der Urheber zur Rechenschaft gezogen werde. Weder als Historiker noch als Bürger sehe er darin eine Gefahr, sagt Sonderegger. Vielmehr hofft der Spezialist fürs Mittelalter, dass die historischen Gestalten die Stadtgeschichte in Erinnerung rufen.

Stadtvater versus Schutzpatron

Die Zeit der Social Media unterscheidet sich von der Vergangenheit allein durch ihre Mittel: «Schon Vadian pflegte ein enorm grosses Netzwerk», sagt Sonderegger. Während wir den Stadtvater heute vor allem als Gelehrten wahrnehmen, war er auch Politiker, ja Lobbyist. Die Handels- und Politikerfamilie von Watt lehrte ihren Spross Joachim politischen Scharfsinn. Als er nach seinen Wiener Jahren in die Gallusstadt zurückkehrte, wurde er von den Regierenden zum Ratgeber berufen. «Er war sozusagen Medienbeauftragter», sagt Sonderegger. Denn: Der spätere Reformator sei sprachlich äusserst bewandert gewesen, gar ein «Kommunikationsgenie». Vadian sei deshalb für eine Twitter-Figur wie geschaffen.

Wer war Gallus?

Anders der Namensgeber St. Gallens: Von ihm sind keine eigenen Aussagen überliefert. «Die Quellenlage zu Gallus ist dürftig», sagt Sonderegger. Aus seinem Leben im Frühmittelalter überdauerten lediglich Episoden, die einem Heiligen gerecht werden. «Sie sind dementsprechend moralisierend und idealisierend.» Wer Gallus tatsächlich war, bleibt ein Rätsel.

Sonderegger würde dem twitternden Paar ein weibliches Pendant zur Seite wünschen. Etwa die Märtyrerin Wiborada. St. Gallen mangle es nicht an starken Frauenstimmen aus der Vergangenheit. «Sie schafften es zwar nicht bis zum Bürgermeisteramt, hatten aber aus dem Hintergrund teils grossen Einfluss», sagt Sonderegger. Bleibt also abzuwarten, welche historische Figur sich als nächstes online aus dem Jenseits zurückmeldet. (nh)