Vadian in der Castingshow

Von Vadian gibt es acht Porträts, auf denen er immer ein wenig anders erscheint. Wie sah der Reformator der Stadt St. Gallen also wirklich aus? Eine Präsentation in der Reihe «Stadtgeschichte im Stadthaus» lüftete das Geheimnis.

Fredi Kurth
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Streng gezeichnet: Der wahre Vadian im Original.

Streng gezeichnet: Der wahre Vadian im Original.

Rudolf Gamper stellte im Stadthaus der Ortsbürgergemeinde sechs Porträts des Humanisten Vadian zur Auswahl. «Welcher gefällt Ihnen am besten?», fragte der Bibliothekar der Vadianischen Sammlung. An der posthumen «Castingshow» wählte das Publikum mit Handerheben jenes Bildnis, das am weitesten vom Original entfernt war. Tatsächlich ist der Nachwelt nur ein Urbild erhalten, die andern sind Kopien.

Er schätzte präzise Zeichnungen

Vielleicht wäre Vadian einer Castingshow tatsächlich nicht abgeneigt gewesen. Denn er bestand einst darauf, dass ihm der Zeichner Reiffenstein eine Skizze von ihm zustellen möge. Vadian hatte also nichts gegen Zeichnungen einzuwenden gehabt. Denn, wie ebenfalls schriftlich überliefert ist, schätzte Vadian die präzise Personenmalerei als zuverlässiges Abbild der Wirklichkeit. Diese Eigenschaft hätte allerdings seine Chancen zur Wahl zum Superstar erheblich geschmälert. Kein Make-up, kein Wangenrouge, keine Haartönung. Vadian wäre kaum in die nächste Runde vorgerückt.

Die Vorstellung von Vadians Aussehen ist bei den St. Gallern ohnehin geprägt durch das Denkmal am Marktplatz. Das gibt zwar einen Eindruck von der Körpermasse des Stadtvaters. Aber er steht hoch oben und lässt kaum Blicke auf seine Gesichtszüge zu.

Original im Kunstmuseum

Beim Original handelt es sich um ein rundes Ölbild auf Holz. Es wurde übermalt, dann wieder gesäubert und zuletzt grosszügig restauriert. Heute liegt es in einer Spezialvitrine im Historischen Museum und ist in den um 1545 verwendeten Farben zu sehen. Das Bild könnte auch später, aber nicht früher entstanden sein. Das ergab vor zwei Jahren eine Untersuchung der Jahrringe beim verwendeten Fichtenholz.

Der junge Vadian mit Bart?

Das Original wurde in späteren Zeiten auch ergänzt. Nicht erwiesen ist, wer das Rundbild gemalt hat. Vieles deutet jedoch auf Caspar Hagenbuch hin. «Das herauszufinden wird unsere nächste Aufgabe sein», sagt Rudolf Gamper. Zwei kleine Brustbilder in Wappendarstellungen werfen die Frage auf, ob Vadian in seinen jungen Jahren Skizzen von sich aufbewahrte: «Hat er vielleicht einen Bart getragen?», würde Gamper gerne wissen.

Roland Wäspe, Direktor des Kunstmuseums St. Gallen, brachte in seinen Ausführungen weitere Kandidaten ins Spiel: Martin Luther, Melanchthon, Erasmus von Rotterdam.

Die Kopien von Vadians Porträt gestalteten die beflissenen Nachahmer immer schöner. Sie liessen Falten verschwinden und setzten Wangenrouge auf. Ob das Vadian in der Castingshow weitergebracht hätte? Dorothee Guggenheimer, die den Abend moderierte, brachte es auf den Punkt: «Die Bedeutung von Vadian steht nicht in Zusammenhang mit seiner Schönheit.» Somit ist das Urteil der strengen Casting-Jury unumstösslich: «Leider nein». Es wird Vadian nicht vom Sockel hauen.

Nummer eins: Dieser Vadian gefiel am besten.

Nummer eins: Dieser Vadian gefiel am besten.

Rosa gefärbt: Vadian verschönert.

Rosa gefärbt: Vadian verschönert.

Verschlankt: Vadian noch etwas schöner. (Bilder: Daniel Klingenberg)

Verschlankt: Vadian noch etwas schöner. (Bilder: Daniel Klingenberg)