VADIAN: Der konservative Revolutionär

Ohne ihn ist die Reformation in St. Gallen nicht zu denken: Rudolf Gamper zeichnet das facettenreiche Leben des Humanisten, Arztes und Bürgermeisters Joachim von Watt nach.

Rolf App
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Rudolf Gamper stellte am Samstag sein neues Werk vor: eine Vadian-Biografie. (Bild: Benjamin Manser)

Rudolf Gamper stellte am Samstag sein neues Werk vor: eine Vadian-Biografie. (Bild: Benjamin Manser)

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Es ist der Wendepunkt in seinem Leben – und ein Wendepunkt in der Geschichte der Stadt St. Gallen. Vor genau 500 Jahren, im Oktober 1517, schreibt der ungefähr 34-jährige Joachim von Watt, er habe vor, den Eidgenossen «neben dem Kriegsruhm auch zum Ruhm in den Wissenschaften zu verhelfen». Der Sohn aus wohlhabender Familie will zurück in seine Heimatstadt. In Wien hat er studiert, hier hat er sich einen Namen gemacht. Eine universitäre Karriere winkt.

Doch sie ist unsicher. Der Kaiser kränkelt, dessen Gunst ­Vadian (wie er sich von 1510 an nennt) geniesst. Und ob es mit dem Höhenflug des Humanismus an der Universität so weitergeht, ist ungewiss. Alles hängt von den Machtverhältnissen ab. Und da er nach der Theologie auch noch die Medizin seiner Zeit studiert hat, kann er sich im durch Leinwandhandel wohlhabend gewordenen St. Gallen ein Auskommen versprechen. Noch einmal macht er sich im Herbst 1518 auf den Weg, unternimmt zu Pferd eine beschwerliche Reise in den Osten Deutschlands, um Verwandte zu besuchen und seinen Hausstand in Wien zu liquidieren. Unterwegs kauft er sich ein paar Schriften eines Mannes namens Martin Luther.

Zwingli lobt ihn für seine Umsicht

So fängt an, was Rudolf Gamper in seiner neuen Vadian-Biografie erzählt, die am Wochenende vorgestellt wurde. Es ist die Geschichte eines gelehrten Mannes von robuster Gesundheit, der nicht nur vielseitig interessiert ist, sich über die Jahrzehnte eine enorme Bibliothek zulegt und ein dichtes Netz an Briefpartnern pflegt. Sondern der die kleine Stadt auch politisch beherrscht. Und der, auch wenn er theologisch nicht an vorderster Front steht, als eigentlicher Drahtzieher der Reformation gelten muss. Bis er am 6. April 1551 im Alter von 66 Jahren stirbt, nachdem er das im Drei-Jahres-Turnus rotierende Amt des Bürgermeisters achtmal verrichtet hat.

In seinem politischen Amt ist Vadian nicht zimperlich, wenn es drauf ankommt. Von 1520 an befasst er sich mit dem, was Luther angestossen hat, wendet sich dem Studium der Bibel zu und wird zum scharfen Kritiker der Kirche. Und findet in Johannes Kessler einen Mitstreiter, der in sonntäglichen Bibelauslegungen immer mehr Anhänger um sich schart. Ins Extrem gehen will er freilich nicht, Vadian ist und bleibt ein konservativer Mensch. Als sein Schwager sich den Täufern zuwendet, lehnt er dies ­empört ab. Aber politisch wagt er einiges. Der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli spendet ihm hohes Lob für seine Umsicht. Später, nach Zwinglis Tod in der Schlacht bei Kappel im Herbst 1531, rühmt Vadian nicht nur dessen Gelehrsamkeit, sondern kritisiert auch «Hitze des Temperaments und das vorschnelle Urteilen».

Der Fürstabt ist krank, da schlägt Vadian zu

Er selber macht es anders. Der Fürstabt, sein grosser Gegner, liegt todkrank in Rorschach, da verfasst Vadian im Februar 1529 ein juristisches Gutachten und kommt zum Schluss, das Münster sei die eigentliche Pfarrkirche der Stadt St. Gallen. Die Zugänge zum Kloster werden blockiert, die Mönche unter Druck gesetzt. Eine aufgebrachte Menge zerstörte Schnitzereien und Altäre in der Kirche. Vierzig Wagenladungen mit der gesamten Ausstattung des Münsters werden vor der Stadt verbrannt. Nur geht ­Vadians Rechnung trotz dieses umsichtig ins Werk gesetzten Bildersturms nicht auf: Nach Zwinglis Niederlage kehrt der Fürstabt zurück, Vadian muss ihn höchstselbst empfangen und den Erzfeind in der Mitte seiner Stadt dulden. Sehr ungern: Wer ins Münster zur Messe geht, muss fortan eine Busse zahlen.

Vadian ist eine äusserst far­bige Figur, Machtpolitiker und Gelehrter zugleich. Man könnte sein Leben sehr spannend erzählen. Nur tut Rudolf Gamper, der die Materie kennt wie kein Zweiter, dies leider nicht. Stattdessen verliert er sich immer wieder in der Vielfalt der Themen. Und: Er isoliert Vadian zu sehr, bettet ihn zu wenig ein in die Geschehnisse seiner Zeit. Denn was sich da abgespielt hat, war ja Weltpolitik im Kleinen.

Rudolf Gamper: Joachim Vadian, Chronos-Verlag