UNTERWASSER: Schüchterner Bartträger

Es gibt sie, die Bachschmerlen im Bodensee. Zu sehen bekommen sie Taucher aber eher selten. So auch OT-Fotograf Tino Dietsche, der sein erstes Exemplar erst nach über 1000 Tauchgängen vor die Linse bekam.

Rudolf Hirtl
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Die Bachschmerle hat sich für einen kurzen Moment in der Bucht vor Goldach sehen lassen. (Bild: Tino Dietsche)

Die Bachschmerle hat sich für einen kurzen Moment in der Bucht vor Goldach sehen lassen. (Bild: Tino Dietsche)

Wenn es dunkel wird, tut sich in den Tiefen des Bodensees bei den Fischen herzlich wenig. Die Schwärme, zu denen sich Arten tagsüber zusammenfinden, lösen sich auf. Die einzelnen Tiere treiben dann mehr oder weniger ­bewegungslos im Wasser. Aber nicht alle Fische ruhen, wenn die Sonne untergegangen ist. Es gibt Arten, die erst dann wirklich ­lebendig werden. Aale und auch Welse gehen vorzugsweise bei Dunkelheit auf Jagd.

Im Uferbereich des Bodensees macht unter anderem die Bachschmerle die Nacht zum Tag. Dies gilt auch für OT-Fotograf Tino Dietsche, der sich mindestens einmal pro Woche in seinen Trockentauchanzug zwängt, um dann mit Kamera und Scheinwerfern in das dunkle Nass zu gleiten. Im Sommer und auch im Winter, versteht sich. Mittlerweile hat er 1020 Tauchgänge absolviert und dabei vermutlich alles gesehen, was im Bodensee kreucht und fleucht. Mit einer Ausnahme, denn die Bachschmerle ist ihm nun in diesen Tagen tatsächlich das allererste Mal vor die Linse geschwommen. «Für mich schon irgendwie was absolut Spezielles, wenn ich bedenke, dass ich diesen Fisch während sicher 300 bis 400 Tauchgängen am selben Platz noch nie gesehen habe.»

Findet die Bachschmerle ­übrigens keinen Stein, unter dem sie bei Tageslicht Schutz findet, gerät der Uferfisch in extremen Stress, der sogar zum Tod füh- ren kann. Die Wasserstandsschwankungen des Bodensees sind deshalb ein Problem für Bachschmerlen, denn bei tiefem Pegelstand liegen die Rückzugsmöglichkeiten oft trocken. Nachts unterwegs sind die Fische mit den typischen Bartfäden (Geschmacksknospen und Tastkörperchen), weil dann auch Insektenlarven hervorkommen.

Einige Aufregung hat die Bachschmerle im April dieses Jahres verursacht, weil sie im Versickerungsbereich der Donau, der in der Aachquelle nördlich des Bodensees mündet, entdeckt wurde. Sie mutierte dadurch zum ersten Höhlenfisch Europas. Fachleute vermuten, dass Bachschmerlen mit Versickerungswasser eingeschwemmt wurden und sich in den Höhlen niedergelassen haben. In den vergangenen 20000 Jahren haben sich die Fische an das Leben in dunklen Höhlen angepasst. Die Tiere hätten kleinere Augen, dafür seien die Nasenlöcher grösser und die Barteln verlängert, damit die ­Fische besser riechen und schmecken können. Zudem seien die Pigmentzellen reduziert.

Rudolf Hirtl

rudolf.hirtl@tagblatt.ch