Unterricht auf der Baustelle

ST.GALLEN. Statt im Schulzimmer zu sitzen, schauen sie den Bauarbeitern über die Schulter: Die Schüler der Neuen Stadtschule verfolgen wöchentlich mit, wie ihr Schulgebäude entsteht.

Christina Weder
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Die Schüler der Neuen Stadtschule auf Baustellenbesuch: In die Decke der ehemaligen Neuapostolischen Kirche werden Oblichter eingebaut. (Bild: Urs Bucher)

Die Schüler der Neuen Stadtschule auf Baustellenbesuch: In die Decke der ehemaligen Neuapostolischen Kirche werden Oblichter eingebaut. (Bild: Urs Bucher)

Er ist weder Architekt noch Bauleiter, sondern Schulleiter. Trotzdem steht Stefan Gander jeden Montagmorgen auf der Baustelle an der Dufourstrasse 76 am Rosenberg. Seit Herbst wird hier die ehemalige Neuapostolische Kirche zum Schulgebäude der Neuen Stadtschule umgebaut. Mit den Jugendlichen, welche die Privatschule besuchen, verfolgt Gander den Baufortschritt. Das ist Teil des Unterrichts. Ramon, Tiffany, Andreas und ihre Kollegen sind mit Bauplänen, Handy und iPad ausgerüstet und legen ihre eigene Dokumentationsmappe über die Schule an, die im Juni bezugsbereit sein soll.

Wie im Grossraumbüro

Hier entsteht kein Schulhaus, wie man es sich von der öffentlichen Schule gewohnt ist. Klassenzimmer wird es keine geben, denn an der neuen Stadtschule wird nicht in Klassen unterrichtet. «Es wird eher wie im Grossraumbüro aussehen», sagt Stefan Gander und holt eine Visualisierung hervor. Arbeitsplatz reiht sich an Arbeitsplatz. Jeder Schüler wird einen Trolley erhalten, in dem er seine persönlichen Sachen und das iPad verstauen kann. Ramon findet das cool: «Das gibt's sonst nirgends.» Die Jugendlichen freuen sich darauf, dass alles neu sein wird.

Im Stehen unterrichten

Noch präsentiert sich der ehemalige Kirchensaal ausgehöhlt. Doch die Jugendlichen kennen sich auf der Baustelle bestens aus; sie wissen Bescheid, wo sie künftig ihre Mäntel aufhängen, wo sie essen werden, wo der Unterricht stattfinden wird. Es wird eine Lounge zum Diskutieren geben, einen Kinosaal auf der Empore, eine Papierrolle zum Gedanken-Schmieden. Und einen kleinen, leer geräumten Unterrichtsraum, in dem die Schüler im Stehen unterrichtet werden. Das habe vor allem für die Lehrer einen Vorteil, findet Gander: «Im Stehen kommen sie schneller auf den Punkt.»

Die Neue Stadtschule hat in St. Gallen vor anderthalb Jahren – damals unter dem Namen «Freie Stadtschule» – den Unterricht aufgenommen. Sie wird künftig Platz für 50 bis 60 Schülerinnen und Schüler bieten. Zurzeit werden zwölf Jugendliche zwischen dem sechsten und zehnten Schuljahr im Provisorium in der Altstadt unterrichtet.

Die Privatschule, deren Hauptaktionärin Bettina Würth, die Beiratsvorsitzende der Würth-Gruppe ist, will eine Alternative zum öffentlichen Schulsystem bieten. Schulleiter Gander sagt: «Wir wollen zeigen, wie Lernen auch funktionieren kann.» Und damit meint er, vor allem individueller.

Das Basislager

Statt von Lehrern ist von Lernbegleitern die Rede. Statt von Schülern von Lernpartnern. Diese bestimmen selbst, womit sie sich auseinandersetzen möchten. Sie stellen sich Aufgaben, sogenannte Lernjobs. Und diese lösen sie nicht nur im Schulzimmer, sondern – wenn möglich – in der Stadt. Für die Stadtschule ist die Stadt das, was der Wald für den Waldkindergarten ist. Er verstehe das neue Schulgebäude als «Basislager», sagt Gander, von dem man aufbricht und in das man wieder zurückkehrt. Jeder Schüler wird mit einem Chip ausgestattet, mit dem er das Gebäude jederzeit betreten kann. Doch bis es so weit ist, wird es für die Schüler wohl noch einige Führungen über die Baustelle geben.