Unter Barriere durchgeschlüpft

RORSCHACH/TÜBACH. Die einstige Radsportbegeisterung soll in einer Woche wieder aufflackern, wenn Tübach Startort einer Etappe der Tour de Suisse ist. Kein anderes Ereignis in der Region lockte schon vor Jahrzehnten so dichte Zuschauermengen auf die Strassen.

Otmar Elsener
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Rorschach 1939 Etappenort der Tour de Suisse: Start auf dem dicht umsäumten Platz vor der Kantonalbank (heute Tagblatt-Redaktion). (Bilder: Monats-Chroniken Ostschweizer Tagblatt)

Rorschach 1939 Etappenort der Tour de Suisse: Start auf dem dicht umsäumten Platz vor der Kantonalbank (heute Tagblatt-Redaktion). (Bilder: Monats-Chroniken Ostschweizer Tagblatt)

«Ein wogendes Gewimmel von Menschen. Tausende, die an der Hauptstrasse bis weit hinunter an die Thurgauerstrasse stehen. Ein Massenandrang, alle in Spannung und voll Ungeduld. Mit gezücktem Hals und noch gezückterer Uhr. Männer mit Armbinden geben Befehle, die Strasse freizuhalten.» – So schilderten Berichterstatter vor Jahren die Stunden vor der Durchfahrt der Tour de Suisse. «Die ersten rasen daher. Bei der Kontrollstelle am Rathausplatz schnellen sie von ihrem Stahlrösslein, malen hastig einen Haken auf die Kontrollliste und auf und davon geht's wie die Windsbraut. Und als der Gewaltshaufen kommt, erhält der Zuschauer ein eindrückliches Bild dieser atemlosen Fahrt.» Heute kann man kaum fassen, mit welcher Begeisterung die Bevölkerung das Radrennen des Jahres verfolgte – wovon dichte Zuschauerspaliere auf Bildern aus jenen Tagen zeugen.

Hauptanziehungspunkte waren bei den ersten Tours die Kontrollstellen. Die Fahrer mussten noch absteigen und mit Eintrag in eine Liste beweisen, dass sie in Rorschach durchgefahren waren. Später versuchte sich das Volk bei den Verpflegungsstellen zu postieren. Dort wurden den Fahrern von Helfern des Velo Clubs Rorschach im Fahren Taschen mit Esswaren umgehängt. Die Fahrer steckten, was ihnen mundete, in ihre verschwitzten Trikots. Den Rest, den sie auf die Strasse warfen, suchten Buben zu erhaschen.

Spurtprämien des Gewerbes

Beim Bodanplatz spurteten die Ersten des Feldes um Prämien, die vom lokalen Gewerbe gestiftet worden waren. Am meisten Zuschauer fanden sich bei den Barrieren im Rietli und beim Bellevue ein. Dort hofften sie, dass eine geschlossene Barriere die Fahrer aufhalten würde und sich so die Chance biete, die berühmten Fahrer einmal in Ruhe aus der Nähe zu sehen. Die Zuschauer der inoffiziellen schweizerischen Barrieren-Hauptstadt wurden allerdings enttäuscht, wenn die Fahrer genau nach Tour-Fahrplan auftauchten. Die Fahrzeit war abgestimmt auf Perioden mit offenen Barrieren, damit die Fahrer unbehindert passieren konnten.

Sie erschienen trotzdem gelegentlich verspätet. Und tatsächlich wird von einer Tour de Suisse überliefert, dass Paul Egli, der beste Schweizer der Dreissiger Jahre, beim Rietli-Übergang in Goldach der Bahnwärterin eine Ohrfeige gab, weil sie die Schranke vor seinen Augen schloss und nicht mehr öffnen wollte. In der Tour 1933 hoben Paul Egli und der Sieger der ersten Tour de Suisse, der Österreicher Max Bulla, die Bellevue-Barriere in Rorschach schnell hoch und schlüpften durch. Wahrscheinlich ohne zu grosse Gefahr – noch rasten die Züge nicht mit den heutigen Geschwindigkeiten daher.

Rorschach Etappenort

Bis zum Zweiten Weltkrieg etablierte sich die Tour als wichtigstes Sportereignis der Schweiz. Die Freude war daher gross, als Rorschach als Etappenort bestimmt wurde. Das Ziel befand sich auf der Churerstrasse etwa auf Höhe des Seerestaurant-Parkplatzes. In Berichten ist zu lesen, dass fieberhafte Radsportbegeisterung eine riesige Menschenmenge zu Fuss und auf Fahrzeugen aller Art brachte und einen Verkehrsstau in «unheimlicher Form» auslöste. Die Menge durchbrach Sperren und wartete mit «fast krankhafter Geduld» auf den kurzen Augenblick der Ankunft. Die Fahrer trafen aber erst bei schon hereinbrechender Dunkelheit ein.

Start auf «Kantonalbankplatz»

Die Tour-Offiziellen lobten die Organisation der Stadt Rorschach am folgenden Augustmorgen vor der Weiterfahrt. Zum Start auf dem Platz vor der heutigen Tagblatt-Redaktion, damals noch Kantonalbankplatz genannt, hatten sich wiederum einige Tausend Zuschauer eingefunden, die die Fahrer bestaunten und den Platz und die Kirchstrasse in Reihen umsäumten. Gewonnen wurde die Tour vom Schweizer Robert Zimmermann aus der Mannschaft der damals führenden Velomarke Condor.

Die folgenden Kriegsjahre bremsten den Schwung der Tour de Suisse; die jungen Männer leisteten Militärdienst. Trotzdem fanden 1941 und 1942 verkürzte Tours statt. Erstmals tauchte 1942 als Sieger der Name Ferdy Kübler auf. Mit ihm und Hugo Koblet sowie den Italienern Fausto Coppi und Gino Bartali nahm der Enthusiasmus für den Radsport in den Fünfzigerjahren noch weiter zu.

In Tübach wird am kommenden Samstag bewiesen werden, dass sich der Mythos Tour de Suisse trotz aller negativen Schlagzeilen von Doping oder Micromotoren im Radsport bis in die heutigen Tage gehalten hat.

Paul Egli sowie der Österreicher und spätere Tour-de-Suisse-Sieger 1933 Max Bulla schlüpfen unter der geschlossenen Bellevue-Barriere durch.

Paul Egli sowie der Österreicher und spätere Tour-de-Suisse-Sieger 1933 Max Bulla schlüpfen unter der geschlossenen Bellevue-Barriere durch.

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