«Unsere Stadt unterschätzt sich»

Er ist Architekt, Planer, Visionär, Kulturmensch und ein beliebter Ansprechpartner im Rathaus: Stadtentwickler Clemens Lüthi hat Gossaus Gesicht entscheidend mitgeprägt – nicht nur in bezug auf Bauten. Ende Monat geht er in Pension.

Adrian Vögele
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Die neue Zentrumsgestaltung ist sein letztes Projekt als Stadtentwickler: Clemens Lüthi an der St. Gallerstrasse. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die neue Zentrumsgestaltung ist sein letztes Projekt als Stadtentwickler: Clemens Lüthi an der St. Gallerstrasse. (Bild: Hanspeter Schiess)

GOSSAU. Wer in Gossau rasch vom Fleck kommen will, nimmt am besten das Velo. Clemens Lüthi hat das längst erkannt. An der St. Gallerstrasse, ein paar Meter vom Ochsenkreisel entfernt, steigt er vom Rad – inmitten der Grossbaustelle für die neue Zentrumsgestaltung. Anfang März haben die Arbeiten begonnen, wenige Wochen vor Lüthis Pensionierung. «Schön, dass ich das noch miterleben darf», sagt er deshalb und lässt den Blick über die aufgerissene Fahrspur schweifen, an der sich der Stossverkehr vorbeizwängt. Wo mancher Autofahrer nur die momentane Verkehrsbehinderung vor Augen hat, sieht Lüthi – gewohnt, sich mit der Zukunft der Stadt zu befassen – bereits den hellen Asphaltbelag mit Farbpunkten, die bunten Stahlpoller, die Stehleuchten mit weissem Lampenschirm. Die neue, freundliche Gossauer Zentrumsgestaltung, sagt er, sei einzigartig und finde in Fachkreisen weit über den Kanton hinaus Beachtung.

Leben mit dem Verkehr

Es ist eines der grösseren Projekte, das Lüthi, der gelernte Architekt, mitgeplant hat – und vor allem eines, das tatsächlich realisiert wird. «Ich empfand es immer als ein Privileg, als Stadtentwickler arbeiten zu dürfen. Allerdings muss man damit umgehen können, dass vieles, was man andenkt und ausarbeitet, schliesslich in der Schublade landet.» Lüthi sagt es ohne Bitterkeit, in der ihm eigenen, ruhigen Art.

Und schon – das ist er aus vielen anderen Gesprächen gewohnt – kommt das Thema Verkehr zur Sprache. Seit seinem Eintritt in die Gemeindeverwaltung im Jahr 1995, damals noch als Bauverwalter, hat Lüthi über diversen Projekten zur Entlastung des Zentrums gebrütet. Da waren etwa die alternative Zentrumsquerung und das Stadtbuskonzept – die beide an der Urne scheiterten. «Das legt den Schluss nahe, dass Gossau sich mit dem Verkehr arrangiert hat», sagt Lüthi.

Für Kultur und Gesellschaft

Nun gelte es, das Beste aus der Situation zu machen, eben beispielsweise mit der neuen Zentrumsgestaltung. «Zudem bringt der Verkehr auch Leben ins Stadtzentrum und Kunden in die Geschäfte», gibt Lüthi zu bedenken. Er spricht aus Erfahrung, hat er doch erst vor kurzem zusammen mit seiner Frau die Buchhandlung Cavelti, neu Buchhandlung Gutenberg, übernommen. Ein Projekt, das den 64-Jährigen in der Zeit nach der Pensionierung begleiten wird.

Lüthis Leidenschaft für Bücher, wie überhaupt für das Kulturelle – in seiner Freizeit ist er unter anderem auch Chorsänger –, ist nicht etwa ein Gegensatz zu seiner Arbeit in der Stadtverwaltung. Denn das Entwickeln einer Stadt, Lüthi sagt es mit Nachdruck, gehe weit über die Planung von Verkehrswegen hinaus und sei eine höchst kreative Tätigkeit.

Die Gründung des Vereins «Gossau Plus», der unter anderem den Bau der Markthalle initiierte, ist ein Beispiel dafür. Oder die Stadtbibliothek und Ludothek im ehrwürdigen Happy-Gebäude – ein kultureller Meilenstein, den die Gossauer an der Urne mit grosser Mehrheit befürworteten. «Darum beneiden uns sogar die Stadtsanktgaller ein wenig», sagt Lüthi. Es sei durchaus nicht so, dass Gossau von der Aussenwelt unterschätzt werde. Im Gegenteil: «Eher unterschätzt sich die Stadt manchmal selber.» Etwas mehr Selbstvertrauen und Gemeinschaftssinn, das würde den Gossauerinnen und Gossauern bisweilen gut anstehen, findet er.

Und Clemens Lüthi weiss, wovon er spricht: Er ist mit Leib und Seele Gossauer, ist hier aufgewachsen, hat hier fast das ganze Leben lang gearbeitet, in Vereinen und Kommissionen mitgewirkt. Als Bauverwalter war er zuständig für unzählige Belange, vom Unterhaltsdienst bis zur Ortsplanung. Stets hatte er ein offenes Ohr für die Anliegen der Einwohner. Es kommt oft vor, dass er angesprochen wird, wenn er in der Stadt unterwegs ist, und auch im Rathaus ist er ein geschätzter Gesprächspartner. «Gerade auch für Ideen oder Anliegen, bei denen niemand so recht weiss, wer eigentlich dafür zuständig ist», wie er schmunzelnd bemerkt. Auch das gehört zu Lüthis Bild eines Stadtentwicklers. «Ich habe mich immer auch als eine Art Ombudsmann der Einwohnerinnen und Einwohner verstanden.»

Stadtpark und Ortsmuseum

Fehlt noch die letzte Bilanz: Was sagt der Stadtentwickler zu «seinem» Werk? Clemens Lüthi bleibt bescheiden: «Im Rahmen des Möglichen haben wir sicher einiges erreicht.» Doch sein Job ist es, Visionen zu haben – und daran mangelt es Lüthi nach wie vor nicht: «Was ich gerne noch umgesetzt hätte, ist der Stadtpark auf der Mooswiese.» Auch eine Art modernes Ortsmuseum könnte er sich in der Stadt vorstellen. Zum Glück weiss er sein Amt in guten Händen: Sein Nachfolger Martin Schmid habe sich bereits gut eingearbeitet. Nur die letzte «Baustelle» – die Zentrumsgestaltung – begleitet Lüthi noch bis zu ihrem Abschluss. Damit das Leben im Stadtkern ein bisschen schöner wird. Auch für Velofahrer.