Unschuldige in der Bredouille

Nicht jeder, der es als angeblicher Fussballchaot mit der Polizei zu tun bekommt, hat tatsächlich etwas auf dem Kerbholz. Zwei Fans berichten, wie sie nach den Farbschmierereien im Wiler Stadion unter Verdacht geraten sind.

Daniel Walt
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WIL/ST. GALLEN. «Fussballfans sollen gleich behandelt werden wie alle anderen Menschen auch. Polizei und Justiz dürfen im Zweifelsfall nicht einfach davon ausgehen, dass sie ohnehin schuldig sind.» Das sagt der 18jährige Kevin F.. Seinen richtigen Namen will er, genauso wie sein gleichaltriger Kollege Tobias P., nicht in der Zeitung lesen. Zu gross sind die Bedenken der beiden, im aktuellen Klima als Fussballchaoten abgestempelt zu werden. Dies, obwohl sie im Fall der Farbschmierereien im Wiler Bergholz, über den sie berichten wollen, unschuldig ins Visier von Polizei und Justiz geraten sind.

Falsche Zeit, falscher Ort

Es ist Samstagabend, 20. August. Kevin und Tobias, beides Lehrlinge und seit Jahren Fans des FCSG, feiern am St. Galler Fest und sie entscheiden, mit dem Nachtzug nach Wil zu fahren, um dort bei Tobias zu übernachten. Am Sonntag steht das Derby FC Wil – FC St. Gallen auf dem Programm. Kevin will den Match im Stadion verfolgen, Tobias von draussen; er ist wegen versuchten Pyroschmuggels seit 2010 mit einem zweijährigen Stadionverbot belegt.

Kevin – er kommt aus Weesen – hat das Wiler Bergholz noch nie gesehen. «Und so beschliessen wir, einen kurzen Umweg zu machen und beim Sportplatz vorbeizulaufen», erzählt Tobias.

In Zellen gesteckt

In der Nacht zuvor hatten Chaoten des FC St. Gallen Teile des Bergholz mit grüner Farbe und Parolen verunstaltet. Deshalb schieben Personen aus dem Umfeld des FC Wil Wache – und werden kurz nach vier Uhr in der Nacht auf die beiden Jugendlichen aufmerksam.

In der Folge kommt es – immer nach Aussage der beiden Fans des FC St. Gallen – zu unschönen Szenen: Stadionwächter verfolgen die beiden, Tobias kassiert eine Ohrfeige. Es hagelt Vorwürfe, die beiden hätten belastendes Material gerade noch rechtzeitig weggeworfen. «Einer wollte sogar eine Schlägerei mit uns anfangen, wurde dann aber von den anderen davon abgehalten», berichtet Kevin. Dann wird die Polizei aufgeboten. Sie nimmt die beiden Jugendlichen mit auf den Posten – zur Befragung. «Die Behandlung durch die Mehrheit der Polizisten war herablassend und erniedrigend. Wir mussten uns ausziehen. Später wurden wir in Zellen gesteckt.» Auch die Handys müssen sie abgeben. Gegen neun Uhr morgens kommen sie wieder auf freien Fuss.

«Von Schuld ausgegangen»

Weder Tobias noch Kevin befürchten, für die Schmierereien im Wiler Stadion tatsächlich belangt zu werden – «ganz einfach: wir sind unschuldig», sagen sie. Erklären müssen sie den Vorfall aber ihren Eltern – und Kevin seinem Chef, der Wind davon bekommen hat. Die juristische Absolution kommt erst Monate später – in Form eines Schreibens der St. Galler Justiz. Sie hat mittlerweile über ein Dutzend anderer mutmasslicher Täter ermittelt. «Das Strafverfahren wegen Sachbeschädigung wird definitiv eingestellt», steht im Schreiben an die beiden.

Woran stören sich die beiden Fussballfans vor allem? «Nicht einmal so sehr daran, dass man Personen verdächtigt, die sich nachts um vier Uhr beim Stadion aufhalten. Uns befremdet viel mehr, dass fest von unserer Schuld ausgegangen, uns nichts geglaubt und zunächst nicht einmal bei unseren Eltern angerufen wurde um nachzufragen, wo wir in der Tatnacht gewesen waren. Dann wäre die Sache rasch erledigt gewesen», sagt Kevin.

Und was bezwecken die beiden mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit? Sie wollten vor allem aufzeigen, dass es auch auf Seiten von Polizei und Justiz Fehlleistungen geben könne. Und dass nicht jeder, der im Umfeld von Fussballspielen in Konflikt mit der Polizei gerät, automatisch schuldig sei.

Vor dem Derby zwischen dem FC Wil und dem FC St. Gallen im vergangenen August haben St. Galler Chaoten das «Bergholz» verwüstet. (Bilder: FC Wil)

Vor dem Derby zwischen dem FC Wil und dem FC St. Gallen im vergangenen August haben St. Galler Chaoten das «Bergholz» verwüstet. (Bilder: FC Wil)