Ungewisse Zukunft für Familiengärten

Öffentliche Gartenanlagen sind wegen geplanter Bauten gefährdet. Die neue Präsidentin der St.Galler Familiengärtner will sich jedoch für die Anlagen einsetzen. Trotzdem bleibt die Zukunft der meisten Areale unsicher.

Christoph Renn
Drucken
Teilen
Gisela Bertoldo, Präsidentin des Zentralverbands der St. Galler Familiengärtner, baut seit 15 Jahren an der Ruckhalde Gemüse an. (Bild: Urs Bucher)

Gisela Bertoldo, Präsidentin des Zentralverbands der St. Galler Familiengärtner, baut seit 15 Jahren an der Ruckhalde Gemüse an. (Bild: Urs Bucher)

Christoph Renn

christoph.renn@tagblatt.ch

Der Garten ist dicht bewachsen. Neben Salaten blühen Blumen, neben Kräutern wachsen Erdbeeren. Im Hintergrund kriecht die Appenzeller Bahn um die enge Kurve in Richtung Riethüsli. In der Parzelle der Gartenanlage Ruckhalde von Gisela Bertoldo, der neuen Präsidentin der Familiengärten St.Gallen, wächst vieles durcheinander. Die Karotten sind nicht wie Zinnsoldaten aufgereiht. Ein Gartenhäuschen hat sie keines. «Das Bild von den ‹bünzligen› Gärten mit Plastikzwergen an jeder Ecke ist veraltet», sagt Bertoldo. Heute sei biologisches Gärtnern das Gebot der Stunde. Monokulturen seien ein No-Go. «In St. Gallen sind alle Pächter dazu verpflichtet, biologisch zu gärtnern», sagt die Chefin der 18 Gartenanlagen auf Stadtgebiet.

Seit Anfang Jahr ist Bertoldo die höchste St.Galler Familiengärtnerin. Und die Anlage Ruckhalde, wo sie seit 15 Jahren Gemüse anbaut, ist ein Paradebeispiel dafür, wieso sie das Amt angetreten hat: Wegen des Baus des Ruckhaldetunnels mussten 23 Parzellen aufgehoben werden. Auch andere Gärten stehen vor einer ungewissen Zukunft. «Ich will mich für die bestehenden Gartenanlagen bestmöglich einsetzen, sie vor der Auflösung schützen.» Deshalb wolle sie die Zusammenarbeit mit der Stadt in ihrer Amtszeit verstärken.

Das Areal zu wechseln ist schwierig

Die Rettung der Gartenanlagen ist jedoch ein hochgestecktes Ziel, in Anbetracht dessen, dass fast jede zweite teilweise oder ganz gefährdet ist (siehe unten). So findet Bertoldo klare Worte zu den zuständigen Ämtern, betont jedoch im gleichen Atemzug, dass es in St.Gallen besser laufe als in anderen Städten. «Zumindest hat uns die Stadt die mündliche Absichtserklärung gegeben, dass Familiengärten wichtig seien.» Was das für die Zukunft der Anlagen bedeutet, sei jedoch schwierig abzuschätzen. Denn auch in St.Gallen werde verdichtetes Bauen grossgeschrieben. «Da haben viele Anlagen schlicht keinen Platz mehr.» Zwar gebe es Pläne, die Anlagen an anderen Orten zu ersetzen. Diese befänden sich jedoch jeweils weiter ausserhalb: «Keiner will mit dem Auto zu seiner Parzelle fahren, das entspricht nicht der Philosophie der meisten Pächter», sagt Bertoldo. Zudem habe die Erfahrung gezeigt, dass Wechsel jeweils schwierig seien: «Viele verzichten dann gleich auf einen Garten.» Doch strebe sie keine Konfrontation, sondern einen guten Austausch mit der Stadt an.

So sitzt der Zentralverband der St.Galler Familiengärten zweimal im Jahr mit Vertretern der Stadt an einem runden Tisch und diskutiert die Zukunft der Anlagen. Momentan dominieren zwei Fragen diese Gespräche: «Die Stadt will, dass eine Parzelle nicht mehr als 100 Quadratmeter gross sein darf», sagt Bertoldo. Dies umzusetzen, sei jedoch kaum möglich. «Alle Anlagen sind verschieden. Einige Parzellen sind durch die Wegführung oder Gartenhäuschen nicht teilbar. Auch haben nicht alle Pächter das gleiche Bedürfnis oder die gleich grosse Familie.» Zudem sollen sich die Gartenanlagen öffnen. «Was dies genau bedeutet, definiert die Stadt jedoch nicht.»

Ein Familiengarten ist ein günstiges Hobby

Dass die grünen Oasen inmitten der Stadt auf Interesse stossen, zeigt ein Blick auf die Wartelisten: Am beliebtesten ist die Gartenanlage Dreilinden in St.Georgen. «Für die kommenden 20 bis 30 Jahre sind alle Parzellen belegt», sagt Bertoldo. Es gebe jedoch immer wieder Wechsel, weil Pächter altershalber den Aufwand nicht mehr bewältigen können oder in eine andere Stadt ziehen.

Bertoldo pflegt seit 15 Jahren ihre kleine Parzelle im Areal Ruckhalde. Seit sechs Jahren ist die 55-Jährige Präsidentin dieser Gartenanlage im Riethüsli. Im Vorstand des Zentralverbandes der St.Galler Familiengärtner ist sie seit drei Jahren. Heute lebt Bertoldo nicht mehr von ihrer Ernte aus ihrem kleinen Garten. «Anfangs waren jedoch finanzielle Gründe schon entscheidend», sagt die vierfache Mutter. Sie habe halt den Blumenstrauss nicht gekauft, sondern selber gepflückt. Den Salat gab es immer aus dem eigenen Garten. «Es war ein guter Beitrag ans Haushaltsbudget», sagt Bertoldo. Denn ein Familiengarten sei ein relativ günstiges Hobby. Pro Jahr kostet eine Parzelle zwischen 150 und 250 Franken.

8 von 18 Arealen sind gefährdet

Der Stadtrat anerkannte in seiner Antwort auf eine Interpellation von Daniel Bertoldo (EVP), dem Ehemann von Gisela Bertoldo, Präsidentin des Familiengärtnerverbands St.Gallen, und Peter Olibet (SP) im vergangenen Jahr die Wichtigkeit der Familiengärten. Die Stadtparlamentarier hatten sich danach erkundigt, welche Familiengärten gefährdet seien und was der Stadtrat zu ihrem Schutz vorkehren wolle.

In St.Gallen liegen 11 der 18 Areale in der Grünzone und gelten als gesichert. Die Kesselhalden ist jedoch trotzdem teilweise gefährdet, wegen einer Bachöffnung beziehungsweise der Verlegung eines Baches. Sieben Areale hingegen könnten früher oder später durch Bauprojekte ganz oder teilweise verdrängt werden. Es sind die Gärten Ruckhalde, Wienerberg, St.Georgen, Grossacker, Blumenwiese, Moos/Schönenwegen und Iddastrasse. Bei der Iddastrasse sind wegen der Erweiterung des Kindergartens sieben Parzellen betroffen. Das Areal in St.Georgen hingegen soll nur verschoben werden.

Dass die Familiengärten wichtige Grünräume und Freizeiteinrichtungen sind, ist seit dem Stadtsanktgaller Richtplan 2012 amtlich. Darin ist die Zielsetzung verankert, dass diese Form der Gartennutzung «nachhaltig gesichert » werden soll. Da einige heutige Areale in der Bauzone liegen, wurden sechs Standorte für möglichen Ersatz festgelegt. (ren)