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(UN-)RUHESTAND: Der Bibliotheks-Detektiv

Karl Schmuki hat am 29. Dezember seinen letzten Arbeitstag als stellvertretender Stiftsbibliothekar. Zumindest offiziell. Denn gebraucht wird er weiter. Im Gespräch mit ihm wird klar, warum.
Rolf App
Karl Schmuki mit einer der Handschriften in der oberen Etage der Stiftsbibliothek. (Bild: Sabrina Stübi)

Karl Schmuki mit einer der Handschriften in der oberen Etage der Stiftsbibliothek. (Bild: Sabrina Stübi)

Rolf App

rolf.app@tagblatt.ch

Einen einzigen Leserbrief hat Karl Schmuki in seinem Leben geschrieben, und der hat eingeschlagen. Und wenn der stellvertretende Stiftsbibliothekar heute, wenige Tage vor seiner Pensionierung, an diese Episode zurückdenkt, zieht ein Lächeln über sein Gesicht. Im März 1995 macht er in der «Sonntags-Zeitung» darauf aufmerksam, dass nicht nur - wie von der Zeitung berichtet - die Rote Armee in Deutschland am Ende des Weltkriegs Kunstraub begangen habe. Dies hätten auch Berner und Zürcher Truppen am 26. Mai 1712 getan, als sie im Zweiten Villmergerkrieg das Kloster St. Gallen erobert und geplündert hätten. Doch während Bern diese Beute später zurückgegeben habe, sei dies aus Zürich nur unvollständig erfolgt, schrieb Schmuki. Über 100 Handschriften lagerten noch in Zürich, ausserdem ein wertvoller Erd- und Himmelsglobus aus dem 16. Jahrhundert.

Die intensiven Folgen eines Leserbriefs

Der Leserbrief löst einen Vorstoss im St. Galler Kantonsparlament aus, die Regierung wird auf den ungelösten Konflikt aufmerksam, doch die Zürcher wollen nichts wissen vom Zurückgeben. Unter Vermittlung des Bundes kommt eine bis ins Jahr 2006 anhaltende Kaskade von Verhandlungen in Gang. Es sind lange Sitzungstage auch für Karl Schmuki, der in einem Berner Hotel eines Nachts sogar entscheiden und begründen muss, welche der geraubten Handschriften denn «identitätsstiftend» seien. So kommen 40 Handschriften als Leihgabe zurück, vom Globus wird auf Kosten Zürichs ein Duplikat hergestellt, das seither die Stiftsbibliothek ziert. Zwei dieser Handschriften hat Schmuki zu unserem Gespräch mitgebracht, Zürich hat sie mit Zürileu-Stempeln versehen.

Die rund 2000 Handschriften aus dem Mittelalter und viele wertvolle gedruckte Bücher zu schützen, zu zeigen und zu erforschen, das ist die Aufgabe der Stiftsbibliothek. Dass er einmal hier landen würde, hat sich der in Gossau aufgewachsene Schmuki lange nicht vorstellen können. «Ich bin gar kein Spezialist fürs Frühe Mittelalter, als zwischen 816 und 926 das Kloster St. Gallen sein Goldenes Zeitalter erlebte, sondern habe mich im Geschichtsstudium auf die Frühe Neuzeit spezialisiert», erzählt er.

Gerade dies aber hat den damaligen Stiftsbibliothekar Peter Ochsenbein veranlasst, ihn 1987 zu holen, denn Schmuki konnte Handschriften lesen, die ihm selber Mühe machten. So ist er eingetaucht in diesen Kosmos, dessen unerschöpflichen Reichtum er mit den mitgebrachten Handschriften locker beweist. Da sind etwa jene Federproben auf den ersten Seiten, mit denen die mittelalterlichen Schreiber prüften, ob ihr Schreibgerät funktioniert. Aus ihnen lässt sich allerhand herauslesen.

Doch die Frühe Neuzeit bleibt Schmuki ein besonderes Anliegen - etwa in Gestalt jener Bücher, in denen zur Zeit der Gegenreformation im 16. und 17. Jahrhundert die Zensur gewütet hat. Da werden Seiten herausgetrennt, Autorennamen ausgekratzt und ihre Aussagen kommentiert. «Auf solche Themen stösst man oft ganz am Rande», sagt er. Und manchmal entsteht auch beinahe aus dem Nichts ein kleiner Mediensturm. Wie 1998, als Schmuki bei der Führung durch eine Ausstellung gegenüber Stadtredaktor Josef Osterwalder jene kurze Passage in der Handschrift 806 erwähnt, in der von den Gräueltaten des rumänischen Grafen Vlad Tepes zwischen 1450 und 1476 die Rede ist, der den Zunamen Drakul trug. Rasch macht der Bericht über eine der ältesten Dracula-Handschriften die Runde, Schmuki muss zwei Wochen lang Interview um Interview geben. So intensiv ist er in der Öffentlichkeit nur noch im Sommer 2001 gefordert, als in Thomas Hürlimanns Novelle «Fräulein Stark» die Bibliothek und ihr früherer Bibliothekar Johannes Duft zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung werden.

Freude am Forschen und am Vermitteln

Karl Schmuki hat Freude am Forschen und am Vermitteln. Er kommt in Fahrt, wenn er in Handschriften und Drucken blättern und auf dies und jenes hinweisen kann. Man spürt detektivischen Geist, den er gern auch Interessierten zur Verfügung stellt. «Kürzlich sind Erdbebenforscher hier gewesen», sagt er. «Für sie habe ich Erdbebenmeldungen aus den Chroniken zusammen getragen.»

Diesen Geist wird er nach der Pensionierung nicht ablegen, sondern bisweilen weiter in Bibliothek und Archiv ein- und ausgehen. Vor allem will er die neuere Geschichte der Bibliothek aufarbeiten. «Da gibt es einige Trouvaillen» - die er mit Begeisterung aufspüren wird.

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