UMWELT: Vier Millionen Kugeln im Erdhaufen

In Gossau wird der Kugelfang der ehemaligen Schiessanlage Niederdorf saniert. Während des jahrelangen Betriebs hat sich so manches Blei in der Erde angesammelt.

Perrine Woodtli
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Yvo Lehner, Raphael Müller und Fabian Anthamatten auf dem Kugelfang. (Bild: Perrine Woodtli)

Yvo Lehner, Raphael Müller und Fabian Anthamatten auf dem Kugelfang. (Bild: Perrine Woodtli)

Perrine Woodtli

perrine.woodtli

@tagblatt.ch

Er ist kaum zu übersehen: Der markante Hügel des Kugelfangs der ehemaligen Schiessanlage im Niederdorf. Dort wo früher reichlich geschossen wurde, fahren heute die Bagger auf. Der Kugelfang der einstigen Schiessanlage in Gossau wird derzeit saniert. Dies, weil der riesige Erdhaufen mit Bleirückständen belastet ist. Jahr für Jahr wurde hier von 1881 bis zur Stilllegung der Anlage 1992 auf dieselben paar Quadratmeter geschossen. «Wir gehen davon aus, dass im Schnitt jedes Jahr rund 50000 Schüsse in den Kugelfang einschlugen. Über all die Jahre hinweg sind das über vier Millionen Schüsse», sagt Fachplaner Fabian Anthamatten. Während der Weltkriege sei die Anlage aufgrund der rationierten Munition zwar nur wenig genutzt worden. Dafür sei dann in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts umso mehr geschossen worden.

Schicht für Schicht analysieren

Vor wenigen Tagen nun haben die Sanierungsarbeiten begonnen. «Ziel ist es, dass das Gelände danach wieder landwirtschaftlich ohne jegliche Einschränkungen genutzt werden kann», sagt Projektleiter Yvo Lehner vom Gossauer Hochbauamt. Um dies zu erreichen, muss der Bleigehalt in der Erde auf unter 200 Milligramm pro Kilogramm Trockensubstanz gesenkt werden. Dafür wird die Erde Schicht für Schicht abgetragen und zwischengelagert. «Das zu Haufwerken aufgeschichtete Material und die freigelegten Flächen werden dann beprobt und im Labor auf Blei untersucht», sagt Anthamatten. «Basierend auf diesen Resultaten stellt sich heraus, wie das Material korrekt entsorgt werden muss und ob das Sanierungsziel beim verbliebenen Material erreicht wurde.» Aushubmaterial, dass ­einen Bleigehalt von über 2000 Milligramm pro Kilogramm aufweist, kommt in die sogenannte Bodenwaschanlage. Dort werden Schadstoffe aus der Erde beseitigt und der Rest recycelt.

Diejenigen Erdschichten mit der höchsten Schwermetallbelastung erkennen die Experten von blossem Auge. Bei genauem Hingucken sind in der Erde überall die rostverfärbten Kugeln zu entdecken. «Die belastete Erde transportiert und entsorgt die beauftragte Recycling AG selber gemäss den gesetzlichen Vorschriften», sagt Anthamatten. Weniger stark belastetes Material mit einem Bleigehalt unter 2000 Milligramm pro Kilogramm Trockensubstanz gelangt auf unterschiedlichen Deponien zur Ablagerung.

Bei dem Abtragen der Erde müssen die Baggerführer unter der Leitung von Bauführer Raphael Müller vorsichtig sein. Denn je nachdem, wie stark die Erde belastet ist, kostet die Entsorgung mehr. «Die Schichten dürfen nicht vermischt werden, da der Bleigehalt sonst in einer weniger stark belasteten Schicht erhöht werden könnte», begründet Lehner. Er schätzt, dass während der Sanierung rund 1600 Tonnen Erde abgeführt werden.

Terrain wird der Umgebung angepasst

Die Herausforderung bei einer Kugelfangsanierung sei, dass man nicht bis ins Detail wisse, welche Belastung und Materialien man vorfindet, sagt Lehner. Laut dem Projektleiter wurde die Umgebung zwar zuvor mehrfach untersucht. Was man dann aber beispielsweise im Kern des Kugelfangs findet, zeigt sich meist erst bei der Ausführung. Für die Sanierung hat das Stadtparlament 365000 Franken bewilligt. Auch der Bund beteiligt sich an den Kosten für Kugelfangsanierungen. «Viele Jahre hat es niemanden interessiert, was mit den zahlreichen Kugelfängen in der Schweiz passiert», sagt Lehner. Erst als 1998 ein entsprechendes Umweltschutzgesetz verabschiedet wurde, sei dies zum Thema geworden.

Bis voraussichtlich Ende Mai soll die Sanierung im Niederdorf noch dauern. Zum Schluss werde man das Terrain dem umliegenden Land angleichen, sagt Lehner. Da man die Kugelfänge in Arn­egg und im Espel bereits saniert hat, sind die Kugelfangsanierungsarbeiten für die Stadt Gossau danach abgeschlossen.