Umstrittene Figuren in neuem Licht

Das Historische und Völkerkundemuseum in St. Gallen stellt ethnographische Schaufiguren aus. Es gab Zeiten, in denen sie verstaut wurden, weil sie als politisch unkorrekt galten. Das Museum sucht Personen, die sich an frühere Begegnungen mit den Figuren erinnern.

Ives Bruggmann
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Der Kubai-Häuptling aus Papua-Neuguinea gehört zu den ausgestellten Figuren. (Bild: pd)

Der Kubai-Häuptling aus Papua-Neuguinea gehört zu den ausgestellten Figuren. (Bild: pd)

«Stille Gäste aus aller Welt» sind derzeit zu Besuch im Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen. So nennt sich die aktuelle Ausstellung, die 16 ethnologische Schaufiguren zeigt, die bereits zuvor jahrzehntelang im Museum präsentiert worden waren und deshalb auch eine eigene Geschichte zu erzählen haben.

Waren die Figuren von Indianern oder Massai anfangs noch eine der Hauptattraktionen des Museums, so gerieten sie zusehends in die Kritik. Heute ist der Blick auf die Schaufiguren wieder differenzierter. Sie gelten als ein Stück Kultur- und Museumsgeschichte. Genau dieses Hin- und Her in der Wahrnehmung der Figuren sowie deren Entstehung sind in einer Begleitbroschüre festgehalten.

Lustige Begegnungen

Darin enthalten sind auch Erinnerungen zweier St. Galler an die Begegnungen mit den exotischen Figuren. Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen ist nun auf der Suche nach weiteren Personen, die sich an Begegnungen mit den Figuren in ihrer Jugendzeit im Museum erinnern können (unter info@hvmsg.ch). Ivo Ledergerber, pensionierter Kantilehrer aus St. Gallen, beschreibt im Büchlein zur Ausstellung seine Begegnung mit den Figurengruppen stimmungsvoll. Er wurde «verlegen» wegen der Figuren aus Afrika. «Nicht wegen dem, was sie bekleidete, sondern wegen dem, was da nicht bedeckt war», schreibt Ledergerber. Und so sei sich «der auf Keuschheit getrimmte Bub» nicht ganz sicher gewesen, ob das Betrachten jenes freizügigen Busens bereits ein «beichtwürdiges Vergehen» war.

Grösste Sammlung der Schweiz

Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen besitzt mit seinen insgesamt 20 Figuren die grösste Sammlung dieser Art. Seit vier Jahren beschäftigt man sich mit der materiellen Sicherung und der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Figuren. Dies stellt sich als schwierige Aufgabe dar, weil einerseits die Machart fragil ist und anderseits das dazumal verwendete Material in der Broschüre als «billig» bezeichnet wird.

Interessant ist der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem die Figuren ab 1920 präsentiert wurden. Damals kannten die Menschen hierzulande «aussereuropäische» Kulturen kaum. Deshalb waren «lebensechte» Schaufiguren ein beliebtes Mittel, die fremden Kulturen zu inszenieren. Als Vorlage dienten meist Fotografien aus der entsprechenden Gegend. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Schaufiguren zunehmend als fragwürdig empfunden. Bereits in den 1970er-Jahren waren die meisten von ihnen aus den Museen verschwunden. Nun werden sie also in St. Gallen wiederentdeckt. Vor einem anderen Hintergrund.

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