TÜRKEN IN ST.GALLEN: «Man gilt rasch als Staatsfeind»

4500 Türkinnen und Türken leben im Kanton St.Gallen. Ein debattierfreudiges Volk - solange die Rede nicht auf die aktuelle Politik in ihrer Heimat kommt. Dann beginnt das grosse Schweigen.

Regula Weik
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Schweizer und Türken – beide sind stolz auf ihre Herkunft. (Bild: Franca Pedrazzetti/Keystone)

Schweizer und Türken – beide sind stolz auf ihre Herkunft. (Bild: Franca Pedrazzetti/Keystone)

Regula Weik

regula.weik@tagblatt.ch

Präsident Erdogan ist seit Wochen in aller Munde – zuletzt wegen seiner Nazi-Vorwürfe an Deutschland und Holland. Wie denken Türkinnen und Türken in der Ostschweiz darüber? Und wie über die anstehende Abstimmung in der Türkei, die dem Präsidenten mehr Macht einräumen soll? Obwohl diese bereits Mitte April stattfindet: Bislang sind dazu kaum Stimmen hiesiger Türken zu hören. Desinteresse? Angst? Ein Besuch beim «Lieblings-Türken» drängt sich auf.

Das Efes steht auf dem Tisch, die Falafel sind bestellt. Zeit, wie üblich, für ein lockeres Gespräch über die persönliche und die globale Lage. Und über die Politik, wie so oft. Nein, dazu möge er sich nicht äussern. Weshalb? Früher hatten wir doch immer zusammen politisiert. Ja, aber heute sei die Lage eine andere. Er wolle sich keine Probleme einhandeln. «Wer weiss, wer mithört?» Ähnlich antwortet eine junge Türkin, die sich früher dezidiert zur Politik in ihrer Heimat geäussert hatte. Sie reise regelmässig zu ihrer Familie, ihren Verwandten und Freunden in die Türkei. Wer weiss, ob sie nicht bespitzelt werde.

Gedanken machen sich alle – nicht öffentlich

4509 Türkinnen und Türken leben derzeit im Kanton St. Gallen. Ihre Zahl nimmt seit Jahren leicht ab. Die Gründe dafür kennt der Kanton nicht; möglich, dass sich einige einbürgern liessen. Ein Drittel der im Kanton wohnhaften Türken wurde in der Schweiz geboren. Aktuell zählt der Kanton St. Gallen insgesamt etwas über 499000 Einwohner. Die Türken sind die achtgrösste ausländische Gruppe im Kanton.

Gedanken zu den aktuellen Geschehnissen machen sich alle. «Wir Türken debattieren gerne», sagt ein weiterer Gesprächspartner, «und wenn es um Politik geht, kann es rasch hektisch und impulsiv werden.» Wie denkt er über Erdogans Politik und die anstehende Abstimmung? Er habe dazu schon eine Meinung – aber nicht öffentlich. Er möge weder sich noch seiner Familie Schwierigkeiten einhandeln. Hat er Angst vor Repressionen, sollten sie in die Türkei reisen? Er schüttelt den Kopf. «Das weniger. Doch man wird in der hiesigen türkischen Community rasch angefeindet.» Wer sich auch nur halbwegs kritisch über den Präsidenten äussere, werde an den Pranger gestellt, gelte rasch als Staatsfeind oder werde zu einem Gülen-Anhänger gemacht. «Und manchmal bleibt es nicht dabei.» Näher mag er sich dazu nicht äussern. Doch immer wieder ist von Fällen zu hören, bei denen etwa auf Facebook aufgerufen wird, Gülen-Sympathisanten und deren Familienangehörige «hart anzufassen». Gülen-Anhänger, «offizielle» wie auch «inoffizielle», seien daher in letzter Zeit allgemein untergetaucht, sagt unser Gesprächspartner – «verständlich, da ihre Haltung beim Gros der hiesigen türkischstämmigen Gesellschaft verpönt ist».

Wie stark ist in der Ostschweiz die Union europäisch-türkischer Demokraten (UETD), ein Erdogan-naher Verein und eine Lobbyorganisation der AKP? Es gebe keine regionale Vertretung. Der Grund: Es fänden sich keine Freiwilligen, die sich unbezahlt engagierten. Der AKP-Ableger konzentriere sich daher heute auf Zürich und die Zentralschweiz. Die meisten Veranstaltungen fänden denn auch in Zürich statt – «und dort engagieren sich auch Ostschweizer UETD-Sympathisanten». So überrascht auch nicht, dass die Ostschweiz bislang nicht als Auftrittsort für gewichtige AKP-Politiker ins Auge gefasst wurde. Jedenfalls hat der türkische Aussenminister, nachdem sein geplanter Auftritt in Zürich auf Widerstand stiess, nicht beim Kanton St. Gallen angeklopft. «Uns ist nichts bekannt», sagt Hans-Rudolf Arta, Generalsekretär im Sicherheits- und Justizdepartement. Auf den Nutzen solcher «politischen Werbetourneen» angesprochen, meint unser Gesprächspartner: Viele würden für ein Selfie mit dem Minister hingehen, aber nicht, weil sie sich vertieft mit der Politik auseinandersetzten.

Offiziell bleibt die Politik draussen

Auf die Frage, wie es die Moscheen mit der Politik hielten, meint er: Je nach Organisation werde versucht, neutral zu bleiben. Die grösste Moscheenorganisation in der Schweiz, die türkische Diyanet, sei regierungsnah. Offiziell versuche sie die Politik draussen zu halten. In der Türkei bildet die Vereinigung die Imame ihrer Moscheen aus und finanziert sie auch. Anrufe in zwei Moscheen werden abgeblockt. Eine politische Einschätzung? Nein, dazu äussere man sich nicht. Auch der Kebabbuden-Besitzer um die Ecke schüttelt den Kopf. «Ich will keine Probleme. Meine Familie, Sie verstehen.»

Die Einschüchterung funktioniert – diffus und unsichtbar. Wie sagte doch diese Woche Sibel Arslan, Basler Nationalrätin mit türkisch-kurdischen Wurzeln: «Wir dürfen keine Angst haben, für unsere Meinung einzustehen.» Die Türken in der Ostschweiz hat ihr Appell nicht erreicht.