Trotz allem kein Auslaufmodell

Im Rheintal nehmen immer weniger Leute an der Jungbürgerfeier teil. So wenige, dass Widnau die Party der Volljährigkeit nun abschafft. Auch in der Region kämpft man um genügend Anmeldungen – jedoch nicht auf dem Land.

Linda Müntener
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In Thal feiert man die Volljährigkeit bei einer Schifffahrt. (Bilder: pd)

In Thal feiert man die Volljährigkeit bei einer Schifffahrt. (Bilder: pd)

RORSCHACH. Gokart fahren, ein Nachtessen auf einem Schiff, ein Ausflug in den Seilpark oder einfach ein gemütlicher Abend in einer Bar: Jedes Jahr laden die Gemeinden alle jungen Erwachsenen, die in diesem Jahr 18 werden, zur Jungbürgerfeier ein – um mit ihnen die Volljährigkeit zu feiern. Eine Tradition, die im Rheintal vielleicht bald nicht mehr aufrecht erhalten wird. In Widnau beispielsweise haben sich im vergangenen Jahr so wenige Jungbürger angemeldet, dass die Gemeinde die Feier nun abschafft. Auch in Gemeinden der Region Rorschach hat die Party der Volljährigkeit an Bedeutung verloren.

Wenig Anmeldungen in der Stadt

Gerade einmal sechs Jungbürger haben sich im vergangenen Jahr für die Jungbürgerfeier der Stadt Rorschach angemeldet – so wenige wie noch nie. Auch in Rheineck ist die Zahl der Teilnehmenden in den vergangenen Jahren gesunken. 2014 hat ein Drittel der Jungbürger mitgefeiert. In Goldach kommen von durchschnittlich 120 Eingeladenen etwa 35 zum gemeinsamen Gokart-Fahren – Tendenz sinkend. Zwölf von 64 Jungbürgern haben 2014 an der Rorschacherberger Feier teilgenommen, in Steinach waren es 13 von 33.

Warum die Feier für viele scheinbar nicht mehr attraktiv ist, sei schwierig zu begründen, heisst es auf Anfrage bei den Stadt- und Gemeinderatsschreibern. Der Anlass habe wohl nicht mehr den gleichen Stellenwert wie anno dazumal, sagt Rorschachs Stadtschreiber Bruno Seelos. Dieser Meinung ist auch Goldachs Gemeinderatsschreiber Richard Falk. «Mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter und den damit verbundenen Rechten und Pflichten hat der Anlass nicht mehr viel zu tun.» Vielmehr gehe es um Unterhaltung. Da seien andere Angebote eben oft attraktiver. «Die abnehmende Teilnehmerzahl hat sicher auch mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun», sagt Rheinecks Stadtschreiber Gabriel Macedo. Die erhöhte Mobilität und der Fortschritt in der Technologie spielten eine Rolle. «Wer mit jemandem Kontakt haben will, kann heute praktisch immer und überall hingehen.»

Abschaffen ist kein Thema

Die Aufgabe der Gemeinde sei nun, diesem Fortschritt Rechnung zu tragen und ebenfalls fortschrittlich zu sein. «Die Gemeinden müssen sich nun mit dem Programm sowie dem Einladungsverfahren anpassen. Und nicht umgekehrt», sagt Macedo. In Goldach plant man eine solche Anpassung. Für die diesjährige Feier prüfe man ein neues Programm, das sich wieder mehr dem ursprünglichen Sinn – dem Erlangen der Stimmberechtigung – anlehnt, sagt Richard Falk. In Rorschacherberg überlegt man, jeweils zwei Jahrgänge zusammenzulegen.

Die Feier abzuschaffen, kommt vorerst nicht in Frage. «Solange die Nachfrage nicht noch weiter abnimmt, werden wir daran festhalten», sagt Bruno Seelos. Auch in Rheineck will man die Feier beibehalten. «Eine Abschaffung erachte ich als falsch», sagt Gabriel Macedo. Diese Meinung teilt Steinachs Gemeinderatsschreiber Bruno Helfenberger: «Warum sollen wir jene bestrafen, die gerne an der Feier teilnehmen?»

Eine «Klassenzusammenkunft»

Solche jungen Erwachsenen gibt es offensichtlich vor allem in den eher ländlichen Gemeinden. So kann Thal laut Gemeinderatsschreiber-Stellvertreter Marco Forrer jedes Jahr darauf zählen, dass sich rund die Hälfte der Jungbürger für den Apéro in der Hafenlounge Staad und das anschliessende Nachtessen auf einem Schiff anmeldet. In Tübach haben an der vergangenen Jungbürgerfeier 55 Prozent der Eingeladenen mitgefeiert. In Untereggen waren es sogar 70 Prozent. Gemeinderatsschreiberin Anja Brovelli erklärt sich das so: «Untereggen ist eine kleine Gemeinde, die meisten Einwohner kennen sich. Die Jungbürgerfeier ist eine Art <Klassenzusammenkunft>.»

2014 besichtigen die Unteregger Jungbürger den Airport Altenrhein.

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Goldachs Jungbürger treffen sich traditionell zum Gokart-Fahren.

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Jährlich ein neues Programm: Steinachs Jungbürger im FM1-Studio.

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