Treffpunkte der Urgrosseltern

Concerthaus, Cinema, Casino: Eine Führung zu den Tagen des offenen Denkmals führte am Samstag zu Schauplätzen des St. Galler Nachtlebens um 1900. Die Häuser gibt es noch. Allerdings baulich verändert und mit neuen Funktionen.

Margrith Widmer
Merken
Drucken
Teilen
1890 als Konzerthaus gebaut: Eingangspartie zur christkatholischen Kirche an der Dufourstrasse 77. (Bild: Reto Voneschen)

1890 als Konzerthaus gebaut: Eingangspartie zur christkatholischen Kirche an der Dufourstrasse 77. (Bild: Reto Voneschen)

Die 22. Europäischen Tage des Denkmals sind am Wochenende auch in St. Gallen begangen worden. Am Freitag mit einem Eröffnungsakt über den Dächern der Stadt, am Samstag und Sonntag mit diversen Führungen durch historische Gebäude.

Das Nachtleben von einst

An einer Führung vom Samstag ging's um drei ungewöhnliche «Etablissements» des einstigen Stadtsanktgaller Nachtlebens: das Concerthaus, das Cinema und das Casino. Keines der drei Gebäude ist heute noch das, was es einmal war: Im Concerthaus an der Dufourstrasse 77 befindet sich die Christkatholische Kirche. Im Cinema Palace am Blumenbergplatz werden zwar heute noch ab und zu Filme gezeigt, das Kino ist heute aber ein Kulturzentrum mit einem vielfältigen jungen Programm. Und das Casino, das einstmals prächtige katholische Gesellenhaus, war lange das Hotel Ekkehard, das heute geschlossen ist und auf bessere Tage wartet.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in St. Gallen keine Tonhalle, keinen Konzertsaal, aber eine kulturell und politisch aufgeschlossene Gesellschaft. Seit 1798 französische Truppen die alte Stadtrepublik besetzt hatten, war nicht nur das Kloster aufgehoben und 1803 der Kanton gegründet worden, es änderten sich auch Sitten und Mode in der Stadt. Die Anrede «Monsieur» wurde alltäglich.

Vielfältiges Vereinsleben

Es war die Zeit der Vereinsbildung, erzählte am Samstag Nina Keel, die durch Concerthaus und Cinema führte. So wurde 1889 das Clubhaus eingeweiht, 1898 kam das Volkshaus dazu. Dazu florierten Bierwirtschaften, in denen Konzerte gegeben wurden. 1890 liess Pietro Delugan das Concerthaus an der Dufourstrasse 77 erstellen. Der Sichtbacksteinbau mit Rundbalkon und markanten Ecktürmen wies Renaissance-Elemente auf – und hatte Kegelbahnen im Untergeschoss.

Gastspiele der Bürgermusik und von Volksgruppen fanden im prachtvollen Konzertsaal statt. Doch dem Etablissement war kein Erfolg beschieden: Nachdem zwei Pächter entmutigt aufgegeben hatten, erwarb die Christkatholische Gemeinde das Gebäude 1895, setzte einen Giebel drauf und plazierte dort ein Kreuz. Das Concerthaus wurde zur Kirche.

Pfarrer Daniel Konrad ist auch «Fremdenführer» im Gebäude und der Kirche, die für Musikdarbietungen die beste Akustik bietet, für Sprache indes nicht. Die Christkatholische Kirche entstand nach dem ersten Vatikanischen Konzil von 1870, als die «Altkatholiken» die Dogmen der Unfehlbarkeit des Papstes und der Regierungsvollmacht über die gesamte Kirche nicht akzeptierten. In der Nordwestschweiz und in grösseren Städten entstanden Christkatholische Gemeinden: Pfarrer Konrad ist heute von St. Gallen aus für Mitglieder aus beiden Appenzell, den Kantonen St. Gallen, Graubünden, Glarus und Thurgau-Ost zuständig.

Ein Kino in der Krise

1923/24 – mitten in der Wirtschaftskrise nach dem Ersten Weltkrieg – entstand am Fuss des Rosenbergs das Cinema Palace. Die einstmals mit Bauplastiken reich verzierte neoklassizistische Fassade wurde inzwischen «ernüchtert». Der Kinobau war einem Theater nachempfunden und – laut Inserat im Tagblatt – mit «Das Karussell im Prater» eröffnet worden. Dazu trat Solotänzerin Hedy Pfundmayr von der Staatsoper Wien auf.

Da das Hotel Ekkehard aus «baupolizeilichen Gründen», so Nina Keel, nicht betreten werden darf, zeigte sie im Palace «Lichtbilder» des Casinos. 1895 erstellte Architekt Wendelin Heene dieses katholische Gesellenhaus an der Rorschacher Strasse 50. Der Neo-Renaissance-Bau, der später zum Hotel Ekkehard wurde, verfügte über eine Kegelbahn im Untergeschoss, hatte einen Lese- und Singsaal sowie einen Festsaal im Piano nobile. Das Gebäude wurde mehrmals umgestaltet. Dabei wurde die einst prächtig geschmückte Fassade abgetragen, die Bauplastiken wurden entfernt. Zurzeit warten die Eigentümer auf die Bewilligung für eine Neunutzung, wie ein Teilnehmer an der Führung präzisierte.

Als Cinema 1923/24 erstellt: Das Palace gehört heute der Stadt, der alte Kinosaal ist ein Kulturzentrum. (Archivbild: Hannes Thalmann)

Als Cinema 1923/24 erstellt: Das Palace gehört heute der Stadt, der alte Kinosaal ist ein Kulturzentrum. (Archivbild: Hannes Thalmann)

Einst Gesellenhaus und Casino: Derzeit steht das Hotel Ekkehard leer und wartet auf eine neue Nutzung. (Archivbild: Hanspeter Schiess)

Einst Gesellenhaus und Casino: Derzeit steht das Hotel Ekkehard leer und wartet auf eine neue Nutzung. (Archivbild: Hanspeter Schiess)