TRAUER: «Individualität geht verloren»

Bei einigen Gräbern auf dem Friedhof Hofegg endet nun die Grabesruhe. Ob und welche Gegenstände Angehörige mitnehmen, ist unterschiedlich. Bei der Bestattungsart zeichnet sich hingegen eine Tendenz ab.

Angelina Donati
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Die Grabesruhe für Urnen- und Erdgräber auf dem Friedhof Hofegg sind heute auf 20 Jahre festgelegt. (Bild: Benjamin Manser und Urs Bucher)

Die Grabesruhe für Urnen- und Erdgräber auf dem Friedhof Hofegg sind heute auf 20 Jahre festgelegt. (Bild: Benjamin Manser und Urs Bucher)

Angelina Donati

angelina.donati

@tagblatt.ch

Ein kleiner Engel, der vor sich hinlächelt, eine Laterne mit einer Kerze, Blumen in allen Farben: Jahrelang pflegen Angehörige die Gräber der Verstorbenen und schmücken sie mit sorgfältig ausgewählten Gegenständen. Die Grabesruhe hat aber ein Ablaufdatum. So sind die Dauern gesetzlich begrenzt. Erdgräber und Urnengräber sind auf dem Friedhof Hofegg in Gossau auf 20 Jahre festgelegt. Bei Urnengräbern war die Frist noch bis vor etwa neun Jahren auf zehn Jahre definiert, wie Hans-Peter Roters, Leiter Tiefbauamt der Stadt Gossau, sagt. Weil dies mehrmals zur Sprache gekommen sei, habe sich der Stadtrat schliesslich für eine Angleichung entschieden.

Auf Ende März läuft nun wieder die Frist von einigen Gräbern auf dem Friedhof Hofegg ab. In einem Inserat bittet die Stadt Angehörige, die Gegenstände mitzunehmen. Roters sagt, dass die Menschen ganz unterschiedlich damit umgehen. Und sich daher keine Tendenz erkennen lasse. Aus persönlichen Gesprächen weiss Pater Andy Givel, Pfarr- administrator, dass es hin und wieder Angehörige gibt, die die Auflösung eines Urnengrabes bedauern. Sie hätten sich gewünscht, dass auch der zweite Elternteil dereinst im gleichen Grab die ewige Ruhe finden würde. Eine Verlängerung der Fristen lasse sich allerdings alleine schon aus Platzgründen nicht vereinbaren, wie Roters erklärt.

Andere Bestattungs- und Abdankungsformen

Eine klare Tendenz stellt Pater Andy Givel in der Bestattungsform fest: Immer mehr Menschen würden sich in ihrem letzten Willen für eine Urnenbeisetzung entscheiden, wahlweise im Urnengrab, an der Urnenwand oder im Gemeinschaftsgrab. Erdbestattungen seien heutzutage nicht mehr so gefragt. Die Gründe dabei sind vielfältig. Oft aber spiele die Grabpflege eine wichtige Rolle. Denn bei der Urnenwand oder im Gemeinschaftsgrab falle diese Aufgabe praktisch gänzlich weg. Hin und wieder spürt Givel bei Trauergesprächen heraus, dass sich die Menschen für die Urnenbeisetzung fast schon ein wenig entschuldigen. «Dass die Leute immer weniger Zeit haben, ist ein klares Abbild unserer modernen Gesellschaft. Alles ist schnelllebiger geworden.» Natürlich aber gebe es auch Familienmitglieder, die örtlich weit weg voneinander leben und darum nur selten einen Besuch abstatten könnten. «Mit der Abnahme von Erdgräbern verschwindet aber auch eine Art Kunst oder Kultur», sagt Givel. «Die Individualität geht verloren.»

Auch bei der Abdankungsform beobachtet der Gossauer Pfarrer Veränderungen. Immer öfter komme es vor, dass der Abschied nur den engsten Familienmitgliedern vorbehalten bleibt. Alle anderen schliesse man bewusst aus. Oft habe es damit zu tun, dass Angehörige sich von der Situation überfordert fühlen, mit Ängsten kämpfen oder nicht wissen, wie sie mit Kondolenz umgehen sollen. «Damit nimmt man anderen die Möglichkeit, sich von einer Person, die für sie von Bedeutung war, zu verabschieden», erklärt Andy Givel. Bei einzelnen Abdankungen werde zudem die Urne wieder mitgenommen, um sie an einem privaten Ort aufzubewahren oder die Asche zu verstreuen. Givel ist der Ansicht, dass aber genau «ein Ort zum Trauern und Innehalten für viele Angehörige und für das weitere Umfeld von zentraler Bedeutung ist».

So, wie sich die Bestattungsform ändert, befindet sich auch die Abdankung in einem Wandel: Anstelle der Eucharistie, also der Feier in Form eines Gottesdienstes in der Kirche, wählen laut Givel immer mehr nur eine Trauerfeier auf dem Friedhof. Wie sich die alten und neuen Rituale heute auch gestalten mögen – letztlich dienen sie alle dem Zweck, dem letzten Willen gerecht zu werden.