TRADITIONSBEIZ: Zurück zu den Wurzeln

Das «Hörnli» ist eine St.Galler Institution, deren Glanz aber in den letzten Jahren verblasst ist. Das soll sich wieder ändern. Auch dank einer jungen Thurgauerin, die weiss, was die Gäste mögen.

Beda Hanimann
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Schmales Haus mit langer Tradition: das «Hörnli» von der Neugasse aus. (Bild: Benjamin Manser)

Schmales Haus mit langer Tradition: das «Hörnli» von der Neugasse aus. (Bild: Benjamin Manser)

Sie ist erst 21. Und spricht doch schon mit der selbstverständlichen Routine einer erfahrenen Gastronomin. «Man soll nicht alles verändern», sagt Nadine Waser, die seit Anfang April im traditionsreichen «Hörnli» am Marktplatz wirtet. Logisch also, dass das Ambiente mit viel Holz geblieben ist. Zwar klebt nicht mehr das Nikotin von Jahrzehnten im Raum, wie ein Zürcher Blogger nach einer St.Galler Beizentour vor einigen Jahren über das «Hörnli» schrieb. Aber das alte Cachet ist noch da.

Und es weckt Erinnerungen, die in den vergangenen Jahren durch etliche rasche Wirtewechsel zunehmend wehmütiger geworden sind. Sie erzählen vom «Hörnli» als beliebtem Treffpunkt beim Einkauf oder vor dem Kinobesuch, als Ankerplatz für manche Stammtischrunde. Vom «Hörnli» als Sammelbecken für Nachtgäste, als die meisten übrigen Lokale an Wochentagen noch um Viertel nach elf schliessen mussten, während es dank Sonderbewilligung eine Stunde länger offen bleiben durfte. «Das Wohlgefühl im Bauch St.Gallens», so titelten wir vor Jahren eine Gastrokritik.

Die prägende Ära der Familie Manz

Das eher schmale, auf zwei Etagen angelegte Lokal ist eine St.Galler Institution, im Grundbuch ist es bereits 1720 erwähnt als «Taverne zum Posthorn». Ein weiterer folgenreicher Eintrag in den Geschichtsbüchern datiert vom 19. April 1879. Da erschien im «St.Galler Tagblatt» ein Aufruf zur Gründung eines Fussballvereins. Noch heute ehren die Fans des FC St.Gallen das Gründungslokal des Clubs, wenn sie in ihrer Hymne singen: «Am Fuessball sis Dihai isch s ‹Hörnli› i de Stadt.»

1933 zerstörte ein Brand das Altstadthaus. Mit dem Neubau bekam des «Hörnli» 1934 die heutige Gestalt. Die bevorzugte Adresse für Bierliebhaber war es da schon längst. Es wartete schon mit einer internationalen Palette verschiedener Biere auf, als der Begriff «Biervielfalt» noch nicht zum Alltagsvokabular der Wirtshausgäste gehörte. Die Ära, die bis heute die Erinnerung prägt, begann 1974 mit der Familie Manz. Dank einer Sonderregelung zur Belebung der Altstadt durfte das «Hörnli» mit einer Handvoll anderer Lokale abends länger offen haben, es gab noch warmes Essen, wenn anderswo die Herde bereits gereinigt waren. Mit dem Ausstieg der Familie Manz und dem Verkauf der Liegenschaft an die Baba International, eine Tochterfirma des indischen Baba-Konzerns, begannen 2004 unruhigere Zeiten. 2012 kam das Lokal in den Besitz der San Lorenzo AG Ristorante italiano, die auch das «San Lorenzo» in der Kugelgasse führt. Nicht weniger als zehn Pächter zapften seit der Ära Manz Bier.

Zurück zur Schweizer Küche

Seit drei Jahren ist das Romanshorner Gastrounternehmen La Luna Pächterin. Den Versuch mit einem «Hörnli» all’italiana hat es nun mit der Anstellung von Nadine Waser als Geschäftsführerin abgebrochen. «Wir setzen wieder auf gutbürgerliche Schweizer Küche mit saisonalen Angeboten», sagt die junge Thurgauerin. Es gibt klassische Fleischgerichte, es gibt Hörnli-Variationen, etwa mit Steinpilzen oder Kalbfleischstreifen und Curry-Früchterahmsauce. Und es gibt derzeit eine Karte mit Spargel-Spezialitäten.

Nadine Waser freut sich, dass schon in den ersten Wochen Gäste und Gruppen von früher wieder vorbeischauen, dass Studenten sich zum Bier treffen. Und eben: Dass am Ambiente ausser helleren Sitzpolstern und neuen Dekorationselementen wenig geändert wurde, war für die Wirtin gesetzt. «Viele Leute mögen diese Atmosphäre des Altehrwürdigen, wo nicht alles topmodern ist», sagt sie.