TRADITIONEN: Bildstock vor dem Hightechbau

In neuem Glanz erstrahlt vor dem Hightechbau der Regatron eine Pietà im Bildstock. Die kirchlichen Wegmarken wurden einst errichtet im Gedenken an wundersame Errettungen und denkwürdige Unglücksfälle.

Otmar Elsener
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Der prächtig renovierte Bildstock mit dem Bild einer Pietà vor dem Regatron-Neubau an der Rosengartenstrasse. (Bild: Otmar Elsener)

Der prächtig renovierte Bildstock mit dem Bild einer Pietà vor dem Regatron-Neubau an der Rosengartenstrasse. (Bild: Otmar Elsener)

Otmar Elsener

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Allerheiligen am 1. November oder das Fest der Arbeit am 1. Mai? Die Bevölkerung des Kantons St. Gallen konnte 1973 wählen, welcher dieser Tage als gesetzlicher Feiertag eingeführt werden sollte. Sie entschied sich für Allerheiligen, wohl weil ja im Mai mit dem Auffahrtstag bereits ein Feiertag feststand. Vielleicht aber auch, weil damals die Heiligen als Zeichen des Glaubens im Alltag häufiger als heute verehrt wurden. So glaubte man zum Beispiel, dass der tägliche Blick auf das an Kirchtürme gemalte Bildnis des heiligen Christophorus vor einem jähen Tod schütze. Den heiligen Florian flehte man bei Feuergefahr an, die heilige Appolonia bei Zahnschmerzen und Antonius sollte helfen, etwas Verlorenes zu finden. An den Tagen Allerheiligen und Allerseelen gedachte man der Verstorbenen und besuchte die Gräber von lieben Verwandten und Freunden.

Viele dieser religiösen Traditionen sind heute am Verblassen. So weiss kaum jemand noch, dass auch die Bildstöcke in der Region Heiligen geweiht waren, denen man für eine wundersame Rettung dankte oder von denen man sich Wunder versprach. Die Feldkreuze und Bildstöcke prägen seit Jahrhunderten unsere Landschaft und sind schutzwürdiges Kulturgut. Sie wurden damals in Erinnerung an ein denkwürdiges Ereignis aufgestellt, an Orten, wo Menschen aus Todesgefahr errettet worden waren oder wo ein Verbrechen, ein Mord oder ein Unglück stattgefunden hatte. Sie waren Wegzeichen oder Grenzmarken. Die meist grazilen Heiligtümer dienten auch oft als Stationen bei Flurprozessionen, wenn die Gläubigen betend über die Felder und Wiesen zogen.

Wegweiser für die Jakobspilger

Seit Jahrhunderten stand auch ein Bildstock im Rosenheim bei einer Brücke über den früher offenen Feldmühlebach an der Grenze zwischen Rorschach und Rorschacherberg. Sicher war zuerst nur ein Kreuz aufgerichtet als Wegweiser für die Jakobsweg-Pilger, die in Rorschach per Schiff von Deutschland kommend in der Jakobskapelle Halt machten. Sie befand sich dort, wo heute der Jakobsbrunnen steht. Danach wanderten die Pilger frisch gestärkt durch die Wiesen des Rorschacherbergs hinauf nach St. Gallen. Beim Bildstock, der auch die Grenze zu Rorschach bezeichnete, bog der Weg nach Westen ab. Als man den Bach überdeckte, wurde die Wegmarke abgebrochen und durch ein Kreuz ersetzt. 1947 verlegte die Gemeinde die Rosengartenstrasse neu, das Kreuz kam nun abseits in die Wiese zu stehen, sodass die Besitzer der Feldmühle durch den Bildhauer Buck aus Wil einen neuen Bildstock an der Ecke Rosengarten- und der ebenfalls neu verlegten Wiesenstrasse erstellen liessen.

Das Gelände um den Bildstock verlotterte nach dem Niedergang der Feldmühle und auch das kleine Gebäude mit dem Marienbild, dessen Unterhalt der katholischen Kirchgemeinde oblag, war in die Jahre gekommen. Als die Familie Hardmeier als neue Eigentümer der ehemaligen Feldmühle-Liegenschaft für ihr Hightechunternehmen Regatron einen Neubau plante, einigten sich die Gemeinden, die Gemeindegrenze zu Gunsten von Rorschach zu verschieben. Der Bildstock stand einem Neubau eigentlich etwas im Wege und es gab keine der vielfach üblichen «Duldung eines Bildstocks»-Grundbucheinträge, die einen Abriss verboten hätten.

Abbruch des Bildstocks kam nicht in Frage

Doch die Familie Hardmeier, insbesondere Gabriella Hardmeier, die Mutter der geschäftsführenden Söhne, betrachtete die Gedenkstätte wohlwollend und es kam für sie nicht in Frage, das kleine Gebäude abzubrechen. Die katholische Kirchgemeinde hatte schon vor den Regatron-Bauplänen beschlossen, den Bildstock zu renovieren. Die Familie Hardmeier befürwortete diesen Entscheid und Tobias Hardmeier empfahl dem Kirchenverwaltungsrat, die Renovation erst nach der Fertigstellung des Neubaus vorzunehmen, um eventuelle Beschädigungen am Bildstock während den Bauarbeiten zu vermeiden. Baumeister Moritz Meichtry und Malermeister Vito Suozzi wurden daher vom Rat beauftragt, erst im Mai 2017 mit der Renovation zu beginnen. Der Künstler Klaus Engler aus Untereggen restaurierte das Bild der Pietà. Dank der gemeinsamen Arbeit ist nun ein prächtiges Werk entstanden, das sich als historisches Gebilde von der modernen Architektur des Regatron-Baus abhebt.

Im Regatron-Bau ist auch das Kantonsspital Rorschach mit einem medizinischen Zentrum für bildgebende Diagnostik eingemietet. Wer dort für eine radiologische Untersuchung angemeldet ist, wird vielleicht vor dem Eintritt ins Haus mit bangem Herzen am nahen Bildstock vorbeigehen und wie die Menschen in früheren Zeiten beim Anblick des golden glänzenden Bildes ein stilles Gebet für seine Gesundheit sprechen. Und so wird es sich für kommende Generationen wohl gelohnt haben, diese Stätte der Besinnung und Andacht zu erhalten.