TODESFALLE: Rehkitze sterben unter Mähmaschinen

Ab Mitte Juni werden die Ökowiesen zum ersten Mal gemäht. Nicht selten werden dabei Rehkitze übersehen, verletzt und getötet. Experten nehmen Bauern und Jäger in die Pflicht.

Noemi Heule
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Die Rehe verstecken ihre Jungen mit Vorliebe in Wiesen am Waldrand. Beim Mähen droht ihnen der Tod. (Bild: Leserbild: Ingrid Zürcher)

Die Rehe verstecken ihre Jungen mit Vorliebe in Wiesen am Waldrand. Beim Mähen droht ihnen der Tod. (Bild: Leserbild: Ingrid Zürcher)

Hitze und eitel Sonnenschein, für die Bauern herrscht derzeit Heuwetter. Unter dem Wiesenteppich verbergen sich aber nicht selten Rehkitze, die den Messern der Mähmaschine zum Opfer fallen. Mit ihrem getüpfelten Fell sind sie gut getarnt, kommt der Fuchs, ducken sich die Jungtiere unter die Halme und sind für das Raubtier kaum auffindbar. Die Tarnung entzieht sie aber auch den Blicken der Bauern.

60 Rehkitze wurden im vergangenen Jahr im Kanton St.Gallen von Landwirtschaftsmaschinen getötet. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, sind sich die Experten einig. Auch in diesem Jahr ereigneten sich bereits etliche Unfälle. Peter Weigelt, Präsident von Revier Jagd St.Gallen, zählte allein an einem Tag vergangene Woche vier tote Rehkitze in Stadtnähe. Er macht das Öko-Heu für die Todesfälle verantwortlich.

Heu wird zur «Todesfalle»

Ökowiesen dürfen zum Schutz von Pflanzen und Kleintieren erst Mitte Juni gemäht werden. Oft seien diese Flächen Inseln in der sonst ausgemähten Landschaft, schreibt Weigelt in einer Mitteilung. «Dies schätzen auch Wildtiere, die darin ihre Jungen verstecken.» Das Ökoheu werde damit zur «Todesfalle» für Rehkitze. Viele Landwirte verzichteten zu diesem Zeitpunkt auf Vorsichtsmassnahmen zum Schutz der jungen Rehe. Sie wiegen sich in falscher Sicherheit.

Dies bestätigt Wildhüter Mirko Calderara, kommen doch die meisten Rehkitze Mitte Mai zur Welt. In den ersten zwei Wochen besitzen sie keinen Fluchtreflex und sondern keinen Geruch ab. Die Rehgeissen verstecken ihre Jungtiere im hohen Gras, wo sie vor natürlichen Feinden geschützt sind. Erst später erweitern die Jungtiere ihren Aktionsradius und ergreifen bei Gefahr die Flucht. Auch wenn die meisten Rehkitze diese Altersgrenze bereits überschritten haben, gebe es auch jetzt noch jüngere Tiere. Es sei daher weiterhin Vorsicht geboten. Zudem können auch ältere Jungtiere in die Fänge der Maschinen geraten.

Von «nachlässig» bis «fahrlässig»

«Sehr gross, sehr breit und vor allem sehr schnell» seien denn auch die heutigen Mähmaschinen. Die Rehkitze würden von den Geräten überrascht und könnten nicht schnell genug entkommen, sagt Calderara. Zudem befänden sich gerade Ökowiesen oft nahe des Waldrandes und seien deshalb für Rehe besonders interessant. Calderara hält die Bauern an, ihr Augenmerk auch zum jetzigen Zeitpunkt auf versteckte Rehkitze zu ­legen.

Deutlichere Worte findet Martin Zimmermann, Geschäftsführer von WWF St.Gallen. Er nimmt die Bauern in die Pflicht und wirft ihnen Nachlässigkeit, gar Fahrlässigkeit vor. Die Massnahmen, um Rehkitze zu schützen, seien bekannt. «Diese auch zu befolgen, hat mit Respekt und Tierliebe zu tun», sagt er. Er lobt das Engagement der Jäger, welche die Bauern beim sogenannten «Verblenden» unterstützen. Am Vortag werden die Felder von Helfern durchkämmt und mit Störelementen versehen – etwa raschelnde Alufolie. Die Rehmütter bringen ihren Nachwuchs sodann aus der Gefahrenzone. Auch Drohnen mit Wärmebildkameras hätten sich anderorts als hilfreich erwiesen.

Wildhüter Mirko Calderara hat im Ausland erste Erfahrungen mit Drohnen gesammelt und preist sie als «effektivste Variante» an. In St.Gallen sei man allerdings noch nicht so weit. «Viele Bauern handeln vorbildlich und suchen den Kontakt zu den Jägern», sagt er. Andere wiederum handelten leichtfertig. Calderara hält deshalb auch die Jäger an, den Kontakt gerade zu jenen Bauern aktiv zu suchen.

Der Mörschwiler Jürg Bürkle, Jäger in Eggersriet, steht derzeit im Einsatz, durchkämmt Felder auf der Suche nach Rehkitzen, bevor die Mähmaschinen auffahren. Er möchte die Bauern nicht zum Sündenbock machen. Trotz hartnäckiger Suche könne ab und an ein Jungtier auch dem geschulten Auge entgehen. Dank guter Zusammenarbeit zwischen Jäger und Bauer seien in seinem Revier in diesem Jahr keine Rehkitze verendet, im vergangenen Jahr waren es dagegen deren drei.