TIERISCHE FREUNDSCHAFT: Montag ist Rüeblitag

Sie gehören längst zum Dorfbild. Trotzdem ist es stets eine Szenerie mit Jööh-Effekt, wenn Aline Straub mit Ross, Wagen und Kinderschar durchs Dorf fährt. Heute sieht die 31-Jährige auch den besonderen Wert darin.

Corinne Allenspach
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Ein Leiterwagen dient als Kutsche. Fast täglich spannt Aline Straub Pony Trixi ein und fährt mit Kindern und Familienhund aus. (Bilder: Urs Bucher)

Ein Leiterwagen dient als Kutsche. Fast täglich spannt Aline Straub Pony Trixi ein und fährt mit Kindern und Familienhund aus. (Bilder: Urs Bucher)

Corinne Allenspach

corinne.allenspach@tagblatt.ch

Auf dem Weg nach Abtwil schlängelt man sich von Baustelle zu Baustelle. Presslufthammer rattern, Baggerschaufeln reissen Strassenbelag auf, Lichtsignale regeln den Verkehr, Trottoirs sind versperrt. Und dann, mitten im Dorfzentrum bei der Hufschmiede Bühler, eine Szenerie, die man vielmehr im Appenzellerland erwarten würde denn in einem Dorf gleich ennet der Stadtgrenze. «Wer wött goh fahre?», fragt Aline Straub. «Ich», ruft ihr Ältester und schon stürmt er mit seinem Bruder und seinen Cousinen los. Während die 31-Jährige Pony Trixi anschirrt, klettern die Knirpse flink auf den Rücksitz des umgebauten Leiterwagens. Aline Straub nimmt auf dem Kutschbock Platz, fasst die Zügel, und los geht die gemächliche Fahrt, begleitet von Familienhund Irko. Vorbei am Gemeindehaus, über Strassen und Wege quer durchs Dorf. «Das Ausfahren mit Kindern und Pony ist schon meine Leidenschaft», sagt Aline Straub. Den Abtwilern ist der Anblick längst vertraut. Fast täglich ist das Gespann unterwegs – ein Stück Langsamkeit in einer oft rastlosen Zeit.

Vier Pferde und vier Ponys wohnen auf dem Grundstück von Hufschmied Bühler zwischen Gemeindehaus und Restaurant Sonne. Dazu Hühner und ein Güggel, zwei Katzen, zwei Hunde, Gänse, Enten und Chüngel. So viele Tiere zu halten sei nichts Spezielles, ist Aline Straub der Meinung. «Speziell ist, dass wir voll im Dorf drin sind.» Und dass die Tierliebe generationenübergreifend gepflegt wird. Jeden Morgen um 9 treffen sich Aline Straub, ihre Mutter Jolanda Bühler und Schwägerin Fanny Bühler mit den insgesamt fünf Kindern – das sechste ist unterwegs – in der Hufschmiede zuerst zum Kaffee. Danach wartet viel Arbeit. «Wer chunnt goh Rossmist zämäneh?», will Jolanda Bühler wissen, und schon ist sie umringt von ihrer Enkelschar. Die Kinder packen sofort tüchtig mit an: Mit ihren Schaufeln füllen sie die Miniatur-Schubkarre im Nu mit Rossböllen, zwischendrin wuseln die Hunde, nebenan kräht der Güggel. Idylle pur. «Die Kinder sind im Fall nicht immer so brav», relativiert Jolanda Bühler und lacht.

Titel gewinnen und mit Pony und Wagen einkaufen

Dass in der Hufschmiede Bühler Pferde wohnen, hat eine lange Tradition. Theodor Bühler war Kavallerist im Militär und hat Anfang der 1970er-Jahre das erste Pferd heimgebracht. Zusammen mit seiner Frau Jolanda hat er den Pferdestall aufgebaut. Seit Jahrzehnten werden unter anderem auch Pferdepflegekurse für Kinder angeboten. Für sie sei dieses Leben mit all den Tieren als Kind normal gewesen, erinnert sich Aline Straub, die mit drei Geschwistern aufgewachsen ist. Jetzt, da sie selber Mutter von drei Buben im Alter zwischen fünf Monaten und fünf Jahren ist, sieht sie den besonderen Wert darin. «Es ist schon speziell», sagt die 31-Jährige, «auch, weil meine Kinder zusammen mit ihren Cousins und Cousinen aufwachsen können.»

Die Liebe zu den Pferden leben Bühlers alle auf ihre Art. Aline Straubs Bruder Philipp Bühler, mehrfacher Schweizer Meister im Hufschmieden, leitet die Hufschmiede bereits in vierter Generation. Viele Familienmitglieder machen Reitsport oder nehmen an Springturnieren teil. Jolanda Bühler war unter anderem dreimal Vize-Schweizer-Meisterin im Gespannfahren mit Ponys. Mit dem Pony ging die 60-Jährige auch jahrelang im Säntispark einkaufen. Ein- bis zweimal pro Woche fuhr sie mit Pony und Leiterwagen durchs Dorf, band das Tier beim Veloständer vor dem Säntispark fest und erledigte ihren Einkauf. Dabei musste sie stets genug Zeit einplanen, denn oft wurde sie angesprochen, vor allem von älteren Leuten.

Jede Woche 30 Kilo Futterrüebli abholen

Das Einkaufen mit Ross und Wagen führt inzwischen Tochter Aline Straub weiter. Sobald ihr Kleinster sitzen kann, wird sie wieder jeden Montag in den Säntispark fahren. Denn Montag ist Rüeblitag. Dann holt sie die bestellten 30 Kilo Futterrüebli ab. Vor der Heimfahrt darf Pony Trixi natürlich eines schnabulieren.

Des Menschen bester Freund muss nicht zwingend der Hund sein, es kann auch jedes andere Tier sein. Den Sommer über erzählt die Stadtredaktion Geschichten spezieller tierischer Freundschaften. Von Menschen, die ein ungewöhnliches Haustier halten oder züchten. Aber auch von Freundschaften zwischen Tieren, die sich sonst eher aus dem Weg gehen. Kurz: Herzerwärmende Beziehungen zwischen Mensch und Tier. (red)