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Tibor Lörincz – Karriere eines Waisenkinds

Tibor Lörincz ist ein Erdenbürger der ruhigen Art. Vielleicht liegt es daran, dass andere frühere Fussballer des FC St. Gallen besser in Erinnerung geblieben sind.
Flinker Flügel: Tibor Lörincz flankt 1965 im Spiel des FC St. Gallen gegen Baden. Die Plätze im Espenmoos sind schon damals gut besetzt. (Bild: zVg)

Flinker Flügel: Tibor Lörincz flankt 1965 im Spiel des FC St. Gallen gegen Baden. Die Plätze im Espenmoos sind schon damals gut besetzt. (Bild: zVg)

Tibor Lörincz ist ein Erdenbürger der ruhigen Art. Vielleicht liegt es daran, dass andere frühere Fussballer des FC St. Gallen besser in Erinnerung geblieben sind. Doch wer Lörincz zuhört, wird rasch immer aufmerksamer und ist sich nicht sicher, was mehr fasziniert: Seine Geschichte als Fussballer oder seine Lebensgeschichte. Man folgt ihm gebannt auf seiner Reise durch halb Europa und stellt fest, dass sein Lebenslauf durch schicksalshafte Begebenheiten bestimmt war.

Vater stirbt bei Bombenangriff

Lörincz wuchs als Waisenkind auf. Sein Vater wurde 1945 beim letzten Bombenangriff auf Budapest tödlich getroffen. Die Mutter starb drei Jahre später. Im Alter von zehn wurde der kleine Tibor beim Fussballverein Vasas Budapest aufgenommen, wo ihm die Zufälligkeit der sportlichen Begabung half: Mit 15 bereits spielte Lörincz in der höchsten ungarischen Liga. Mit der Juniorennationalmannschaft war er auf Tournée durch Europa, Ungarns Fussball gehörte zur Weltspitze.

Lörincz war vorbehalten, was nur wenigen Menschen in seinem kommunistischen Heimatland vergönnt war: in den Westen zu reisen. Da spielte er bereits einmal auf dem Espenmoos in St. Gallen. In Schweden wurden Ungarns Junioren von König Gustav empfangen, und Lörincz erhielt von Hochwürden den ersten elektrischen Rasierapparat überreicht.

85 Tore in Hollands Topliga

Mindestens so nützlich war 1956 die Begegnung mit einem Manager von Eintracht Frankfurt. «Ich war nicht geflüchtet», betont Lörincz. «Einige von uns erhielten vom ungarischen Verband eine Spezialbewilligung», sagt Lörincz. Einen Nachteil hatten Fussballlegionäre: Pro Mannschaft durfte nur ein Ausländer aufgestellt werden. So folgten Lörinczs Stationen ziemlich rasch: Nach Frankfurt hiessen sie Altona Hamburg und Bayern München. Richtig Fuss fassen konnte er in den 1960er-Jahren in Holland bei Alkmaar und Apeldoorn. In fünf Jahren erzielte der flinke Flügel 85 Tore.

Es waren mehrere unvorhergesehene Fügungen, die Lörincz nach St. Gallen brachten. Seine Frau Inge, die er während seines Aufenthaltes in München kennenlernte, stammt aus Konstanz. Wo sich jeweils auch ein Vorstandsmitglied des FC St. Gallen die Zähne flicken liess. Der Zahnarzt kannte Lörincz. . .

«Warte mal, im Keller befindet sich meine ganze Laufbahn.» Lörincz holt drei Ordner ans Tageslicht. Er zeigt eine Mannschaftsfoto des FC St. Gallen. Legendäre Figuren wie Otto Pfister, Guido Palatini, Leo Bauer, Hans Reutlinger, Louis Frei, Walter Müller und Heinz Welte sind zu erkennen. Heinz Feurer steht in der Uniform eines Militäroffiziers da. St. Gallen war 1965 gerade aus der 1. Liga (!) aufgestiegen, als Lörincz im ersten Spiel (gegen Chiasso) nach zehn Minuten schon zwei Freistosstore erzielte. Bis Ende Saison waren es 17, obwohl er wegen der Ausländerklausel nicht immer spielte. Nach zwei Jahren wechselte Lörincz just zum SC Brühl. Er gehörte zu den wenigen, die für beide Teams das Derby bestritten. Im ersten in der Nationalliga B gelang ihm für St. Gallen auf dem Krontal der Ausgleich zum 3:3, zwei Jahre später im Espenmoos für Brühl das erste Tor beim 4:4.

Schmucker Laden in St. Fiden

Heute hat Lörincz mehr Kontakte zum FC St. Gallen als zum SC Brühl. Zufall ist es somit auch, dass er in der Nähe des Paul-Grüninger-Stadions einen Handel mit Tapeten und Vorhänge betreibt. Vor 17 Jahren machte er sich in einem schmucken kleinen Laden in St. Fiden selbständig. Das Metier hatte er in Holland gelernt. «In Sport und Beruf habe ich ungefähr gleich viel Geld verdient», sagt er. «Als Fussballer erhielten wir doppelt so viel wie ein normal Sterblicher, als ein Maler zum Beispiel.» Dem Fussball habe er viel zu verdanken. Er konnte ein Beziehungsnetz knüpfen, aus dem er immer wieder Aufträge fischte. Bis heute: So liess er unlängst die 150 Badezimmer in der neuen Oberwaid tapezieren.

«Meine Frau ist bekannter»

In seinem Laden «Lörincz und Partner» steht der 74-Jährige aber nicht mehr so häufig wie früher. Nun ist seine Frau der «Partner», die als Leiterin der Statisterie im Stadttheater bekannter sei als er. Eigentlich wollte er schon lange ganz aufhören. «Dann kommen aber wieder so schöne Aufträge».

In der AFG Arena würde der Vater von Sohn und Tochter häufiger erscheinen, wenn nicht seine beiden Enkelkinder Robin und Tim Estermann in U-Nachwuchsteams des FC St. Gallen spielten. Mit 1,84 und 1,75 haben die beiden Verteidiger ihren Grossvater punkto Kopfballstärke bereits übertroffen. «Ob dies auch in der Karriere gelingt, wird sich weisen», sagt Lörincz, der sich noch immenser Fitness erfreut.

Das allerdings ist kein Zufall: Lörincz macht jeden morgen hundert Kniebeugen in drei Minuten. Fredi Kurth

Lörinczs Tip: St. Gallen – Sion 2:1 (Sonntag, 16 Uhr).

Tibor Lörincz heute. (Bild: Fredi Kurth)

Tibor Lörincz heute. (Bild: Fredi Kurth)

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