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THEATERARCHIV: Briefe ans Theater St.Gallen: «Herr Direktor, sorgen Sie für Abhilfe»

Sie sind begeistert, empört, hoffnungsvoll: Jene Menschen, die Abend für Abend das Theater St. Gallen besuchen, das diese Woche das 50-Jahr-Jubiläum seines Neubaus im Stadtpark feiert. Und sie bekunden das auch in ihren Briefen.
Rolf App
Eines der frühen Bilder aus dem Theaterarchiv: 1944 kommen sich in Joseph Lanners Operette «Alt Wien» zwei Verliebte nah.

Eines der frühen Bilder aus dem Theaterarchiv: 1944 kommen sich in Joseph Lanners Operette «Alt Wien» zwei Verliebte nah.

Rolf App

rolf.app@tagblatt.ch

Mit seiner Klasse hat der Lehrer gerade das Kapitel «Wir schreiben einen Brief» durchgenommen – und sich gedacht: Schreiben wir doch mal an den Theaterdirektor Glado von May. In dessen Haus hat die Klasse gerade eben Mozarts «Zauberflöte» besucht, und ist nun selber ganz verzaubert. «Liebes Zauberflötenensemble», schreibt eines der Kinder, «mir hat dass Theater so so gut gefallen, am liebsten will ich es noch mal sehen.» Fantasievolle Zeichnungen und Basteleien illustrieren die Begeisterung der Klasse, ein Schüler findet es «bewunderlich, wie die Sängerinnen und Sänger so hoch und so tief singen können», und eine Schülerin hat immer gedacht, «dass Opern langweilig sind, aber diese Aufführung hat mir sehr gefallen».

Ja, so kann man staunen und Neues entdecken. Wenn man ins Theater geht. Dieses Theater, das kommenden Donnerstag das 50-Jahr-Jubiläum seines Neubaus feiert, hat auch ein umfangreiches Archiv, das sich im St. Galler Stadtarchiv befindet. Zahllose Fotos von den Inszenierungen finden sich da. Schachtelweise Kritiken, weiter Protokolle, zum Teil noch mit feiner Feder geschrieben, Dossiers zu einzelnen Fällen, Kassenbücher – und eben auch jene Briefe, die Glado von May zwischen 1982 und 1992 bekommen und auch beantwortet hat.

Besorgt über die «Schwindsucht» im Schauspiel

Doch nicht nur die Begeisterung bekommt er zu spüren. Auch Enttäuschung oder Empörung werden an ihn herangetragen. Auf nicht weniger als fünf maschinengeschriebenen Seiten drückt ein einflussreicher Stadtpolitiker seine Besorgnis über die «Schwindsucht» in den Schauspiel-Vorstellungen aus. Die Reihen lichten sich, geheizt ist das Theater seiner Ansicht nach auch schlecht. Doch das wahre Ärgernis findet auf der Bühne statt. Wie sollte man Stücke inszenieren? Der Politiker weiss, wie man’s macht.

Die Oper kommt auch nicht besser weg. «Was uns in letzter Zeit geboten wurde, möchten wir hier nicht in Worte kleiden», erklärt ein Paar aus Herisau. «Das Musikstück von Alban Berg habe ich noch nicht verdaut.» Unfreundliches Fazit: «Wenn Herr Glado von May den Besucherraum halb leer und den Besucherrest in Jeansbekleidung bevorzugt, soll er so weitermachen.»

Glado von Mays Antwort ist nicht überliefert. Vielleicht hat ihn die Zuschrift jener Musicalbesucherin getröstet, die ganz zufrieden ist – aber sich «My fair Lady» wünscht und dabei weiss, «dass ich nicht alleine bin». Oder der Brief jenes Herrn, der schon viele «Rigolettos» gesehen hat und extra 900 Kilometer gefahren ist, um sich Verdis Oper in St. Gallen anzuschauen. Nun dankt er für den «herrlichen Abend». Manchmal sind die Theaterbesucher hilfsbereit, einer bietet sogar Mobiliar an für eine Inszenierung. «2 Gutscheine geschickt», hat jemand auf dem Brief notiert, und: «Tel. Hr. von May». «Leider nichts gefunden» steht oben an einer weiteren Zuschrift. Eine Frau aus Kreuzlingen hat im «Troubadour» den Saphir an ihrem Fingerring verloren.

«Haben Sie nicht in nächster Zeit eine Rolle frei?»

So ergiesst sich Tag für Tag eine kleine Flut von Briefen mitsamt schöner Kärtlein über den Direktor des Theaters St. Gallen. Viel Lob wird an ihn herangetragen, aber auch vielerlei Anliegen werden vorgebracht. Eine Brauerei beschwert sich: Im Stück «Nepal» von Urs Widmer werde Werbung für die Konkurrenz gemacht. Eine Frau hat in «Biografie» von Max Frisch beinahe nichts verstanden. «Der Mangel kam nicht von unserem Gehör. Bitte sorgen Sie für Abhilfe», schreibt sie resolut. Wird das Schauspiel-Ensemble langsam demontiert? Ein Theaterbesucher befasst sich sehr kundig und kritisch mit einigen neueren Inszenierungen. «Ob man mit einem Regisseur ‹eine glückliche Hand› hat, kann man leider fast immer erst feststellen, wenn das Ergebnis vorliegt», erklärt Glado von May diplomatisch. Im Falle von Lessings «Minna von Barnhelm» teile er aber sein kritisches Urteil nicht.

Am dankbarsten, aber deswegen keineswegs unkritisch sind die Kinder und Jugendlichen. Von der Schlange sei er «nicht so begeistert», schreibt ein Schüler zur «Zauberflöte». Doch immerhin ergeht die Empfehlung: «Sie können den Spielern und Spielerinnen ausrichten, dass sie sehr gut gespielt haben.» Und natürlich lockt die Bühne auch. «In der Schule frage ich meinen Lehrer immer ob wir einmal ein Theaterstück einüben könnten, doch er hält nicht viel von dem», schreibt ein Kind. Deshalb: «Haben sie nicht in der nächsten Zeit eine Rolle frei?»

Eine knapp Elfjährige ist entsetzt, dass sie trotz Interesses nicht in «Anatevka» mitspielen durfte. «Ich hoffe sehr, dass Du Verständnis dafür hast und einsiehst, dass Wunschträume sich leider nur zu oft nicht gleich erfüllen», antwortet ihr der Theaterdirektor. «Als kleines Trostpflaster zeige ich Dir aber gerne einmal das Theater von ‹hinten›.»

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