Texte als Lebensretter

Für Buchhändler Louis Ribaux sind Bücher etwas Edles. Heute stellt er fest, dass viele surfen, anstatt zu lesen. Er selbst kann ein Buch immer wieder lesen. Und dabei Neues entdecken.

Margrith Widmer
Drucken
Louis Ribaux bei sich zu Hause, inmitten seiner Bücher. (Bild: Ralph Ribi)

Louis Ribaux bei sich zu Hause, inmitten seiner Bücher. (Bild: Ralph Ribi)

Eine geschnitzte Holzeule bewacht die Tür: dahinter Louis Ribaux, der St. Galler Buchhändler und Antiquar, der sich selber als «Bettrand-Philosoph» bezeichnet, in einer Wohnung voller Bücher, mit einem wundervollen Arbeitsplatz, der geradezu mit Büchern tapeziert ist. 25 bis 30 Stunden arbeitet der 84-Jährige noch pro Woche.

Sein Antiquariat an der Webergasse in St. Gallens Altstadt ist eine Rarität: Seit rund zwanzig Jahren verschwinden immer mehr Antiquariate. Die Kunden beziehen ihre antiquarischen Bücher zusehends über Internetmarktplätze. Die Einnahmen schwinden. Dennoch: Louis Ribaux will sein Antiquariat nicht sterben lassen.

Nicht mehr in Mode

Für ihn widerspiegelt die Misere der Antiquariate die Rolle des Buches in der Gesellschaft: «Das Buch ist etwas Edles.» Aber nicht einmal mehr Nachschlagewerke werden gekauft – Wikipedia hat sie ersetzt. Bildbände, Werke über Kunstgeschichte gehen für nicht mal fünf Franken über den Ladentisch. Am besten verkaufen sich nach wie vor gute Belletristik, Erstausgaben, bibliophile Bücher. Auch Sammler gibt es fast keine mehr – sie werden belächelt. «Es herrscht eine ablehnende, ja feindselig empfundene Stimmung gegen das Buch, die Menschen surfen, statt zu lesen», konstatiert Louis Ribaux. Sind Bücher nicht mehr in Mode?

Er liest viel, auch Bücher, die er schon mehrmals gelesen hat, beispielsweise «Geld und Geist» von Jeremias Gotthelf. Auch wenn man denkt: «Das kennt man doch.» Ribaux erlebt «alte Bücher» – je nach Lebenssituation und Verfassung – immer wieder anders, neu. «Mein erstes Buch war <Fritzli, der Ferienvater>», schmunzelt Louis Ribaux.

«Meieschnee», «Winterfenster»

Hinter Louis Ribaux hängt ein Bild von Karl Uelliger, «Meieschnee», gegenüber «Novemberchoor im Winterfenster» (Uelliger pflegte eine eigenwillige Orthographie), märchenhafte Bildererzählungen, pure Poesie. Die Leinwand war eine Carte blanche – Uelliger, mit dem Ribaux befreundet war, hat sie verzaubert. Louis Ribaux leitet seine Carte blanche, seine Handlungsfreiheit, vom jeweiligen Tagesmotto her. Das Tagesmotto fällt ihm zu. «Heute war es Modelleisenbahn, deren Lokomotiven zwar mächtig und doch nur die zweite Instanz sind.» Ribaux: «Erste Instanz wäre die überirdische Energie – so ist auch der Mensch bestenfalls zweite Instanz», so die Schlussfolgerung. «Meine persönliche Freiheit dient als Vermittlerin.»

Carte blanche war für ihn auch seine Kindheit in einer Parklandschaft in Cham: «Wir hatten einen einen Quadratkilometer grossen Spielplatz», erzählt er. Da wurden Bächlein gestaut und umgeleitet. «Es hatte viele Bächlein.» Nur, dieses Kinderland gibt es nicht mehr: «Es ist alles überbaut, zerstört.»

«Ich wehre mich», sagt Louis Ribaux – «und in einsamen Stunden wage ich, dem Herbstdunkel das geheimnisvolle Herbstlicht entgegenzuhalten.»

Im Herbst des Lebens

Und er fragt: «Oder soll ich weiterhin dem Satz des Dichters und Denkers Albert Camus nachleben: <Das menschliche Herz hat eine fatale Neigung, nur etwas Niederschmetterndes Schicksal zu nennen.>? Oder: <Texte als Lebensretter?> Ja, und dies besonders im Herbst der Jahreszeiten und des eigenen Lebens.»

Brigitte Schuster, Typographin und Buchautorin, hat Louis Ribaux porträtiert. Präsentation der Broschüre ist heute Donnerstag, 19 Uhr, im Festsaal St. Katharinen.

Aktuelle Nachrichten