TEUFEN: «Einfach schlimm»

Blechdächer, plumpe Balkone und Übernutzung: Rosmarie Nüesch kritisiert die geplante Überbauung «Unteres Gremm». Nicht nur die frühere Obfrau des Heimatschutzes hat Vorbehalte zum Projekt.

Margrith Widmer
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Auf dem Areal des Thürerparks in Teufen sind 66 Wohnungen geplant. (Bild: Visualisierung: PD)

Auf dem Areal des Thürerparks in Teufen sind 66 Wohnungen geplant. (Bild: Visualisierung: PD)

Margrith Widmer

Bis im Herbst 2020 sollen auf der 14658 Quadratmeter grossen Fläche des Thürerparks in Teufen neun Mehrfamilienhauser mit 66 Wohnungen entstehen. «Die Architektur lehnt sich stark an die klassizistischen Fabrikantenhauser des 18. und 19. Jahrhunderts an», heisst es auf der Webseite der Bauherrschaft, der Agwar AG. «Die klare Geometrie, die ausgepragte, talseitige Hauptfassade, die flexiblen Grundrisse, das zentrierende Walmdach und die helle Fassade wurden als markante Merkmale ubernommen.»

Rosmarie Nüesch ist anderer Meinung: Der Gestaltungsplan komme einer Übernutzung durch neun grosse Baukörper ohne sichtbare Dächer gleich, kritisiert sie. Dabei war das Siegerprojekt des Wettbewerbs «Strasse, Haus und Garten» der Thomas Schregenberger GmbH, Zürich, von der Jury gelobt worden.

Im Gegensatz zum Wettbewerb hätten im Gestaltungsplan die einzelnen Bauten «den hochgelobten Charakter der historischen Fabrikantenhäuser total verloren». Ausser der Symmetrie sei nichts übrig geblieben: «Die massigen, tiefen Baukörper haben eigenartige schräge Seitenwände.» Darüber liege ein sehr flaches Blech-Walmdach. Die vorgestellten kräftigen Betonbalkone, die nicht zur Nutzung zählten, lägen nicht unter dem Dach. Ihr Fazit: «Einfach schlimm.» Aus der Ferne sehe man grosse weisse Baukörper, ohne sichtbare Dächer, die wie Flachdachbauten wirkten.

Die Frage nach den Balkonen

Vor kurzem wurden beim Neubau eines Wohnhauses bei der Hechtmühle vorgehängte Balkone abgelehnt, da in der Ortsbildschutzzone nicht erlaubt. In der Überbauung Unteres Gremm soll nun überall eine Schicht von Beton-Balkonen vorgesetzt werden. «Architekt Schregenberger erläuterte das als typische Appenzellerfassade wohl aus reiner Ignoranz», so Nüesch. Bauvolumina können um zehn Prozent erhöht werden, wenn die Gestaltungsbestimmungen hohen Ansprüchen genügen. Die Volumina der Balkone müssen nicht dazu addiert werden. Damit werde der Ausnützung zu sehr entgegengekommen, kritisiert sie: «Es fragt sich, ob nicht zwei bis drei der Bauten um ein Stockwerk gekürzt werden sollen. Das wäre eine Verbesserung.» Die Walmdächer seien überdies mit steilen Ziegel­dächern auszuführen, wie in der Schutzzone vorgeschrieben und ortsüblich: «Den hohen Ansprüchen der Gestaltung ist sicher nicht Genüge getan», so das Urteil von Nüesch. Ihr Fazit: «Das Baugebiet, an prominenter sonniger Lage im Dorfkern gelegen, mit schöner Aussicht, verdient eine entsprechende Überbauung. Die vorliegenden Bauten genügen nicht. Sie entsprechen weder dem vorgesehenen Fabrikantenhaus, noch sind sie moderne Wohnhäuser. Zudem ist die ganze Anlage übernutzt.»

Rosmarie Nüesch appelliert an den Gemeinderat: «Lassen Sie sich nicht zu einer Übernutzung drängen, nur weil der Boden so teuer war. Verlangen Sie eine Gestaltung, die dem bedeutenden Standort in unserem noch immer schönen Dorf entspricht. Es ist eine der letzten Chancen.» Immerhin handelt es sich bei dem Grundstück um die letzte grössere unbebaute Parzelle in unmittelbarer Dorfnähe. Wenn im Planungsbericht von «gezielt situierten Baumgruppen aus einheimischen Hochstammbaumen» die Rede ist, mutet das geradezu zynisch an: 2014 wurde der verwilderte Thürerpark mit seinem 140 Jahre alten Baumbestand ruckzuck gerodet. Rund 90 Prachtsbäume wurden gefällt.

Der frühere Baudirektor Jakob Bunnschweiler kritisierte die Aufzonung in Wohnzone 3, Sondervorteil dank Erschliessung durch die Gemeinde, neun praktisch gleich grosse Baukörper – untypisch für die appenzellische Landschaft – Vorgärten im Norden und die magere Bepflanzung. Er listete zehn Abweichungen von den Regelbauvorschriften auf. Ein Vergleich mit der dreistöckigen Wohnzone W3 ergebe, «dass praktisch eine Aufzonung von W2a auf W3 stattfindet». «Dies ist in diesem Ausmass gemäss Artikel 41 Baugesetz fragwürdig.» So sind etwa drei statt zwei Vollgeschosse geplant, talseitig sind es vier statt drei Geschosse, die Gebäudehöhe beträgt 10,7 Meter statt 7,5.