TALK: Goethe allein kann’s nicht sein

Vom freien Theatermacher zum fest angestellten Schauspieldirektor: Jonas Knecht hat im Palace von seinem Job- und Rollenwechsel berichtet. Er blickt zurück auf seine erste Saison und voraus auf eine offene Abstimmung.
Roger Berhalter
Näher ran ans Publikum: Der Container des Theaters St. Gallen war eine Idee von Schauspieldirektor Jonas Knecht. (Bild: Ralph Ribi (6. Oktober 2016))

Näher ran ans Publikum: Der Container des Theaters St. Gallen war eine Idee von Schauspieldirektor Jonas Knecht. (Bild: Ralph Ribi (6. Oktober 2016))

Roger Berhalter

roger.berhalt

er@tagblatt.ch

Ein paar Berliner Ausdrücke sind ihm geblieben. Auch sonst hat sich Jonas Knecht, Schauspieldirektor am Theater St. Gallen, einiges aus seiner Zeit als freier Theatermacher in Deutschland bewahrt. Erste Bühnenluft schnupperte er aber in seiner Heimatstadt St. Gallen, wo er als Sekschüler das Lichtpult bediente. «Ich kam via Technik zum Theater», sagt Knecht am Dienstagabend im Palace. Er ist in der «Erfreulichen Universität» zu Gast, um auf seine erste Saison als Schauspieldirektor in St. Gallen zurück zu blicken.

Knecht schaut auch voraus auf die kantonale Abstimmung vom März 2018, wenn es um die Sanierung des Stadttheaters geht. «Wir haben diese Abstimmung noch nicht gewonnen», sagt Knecht mit Blick auf bürgerliche Stimmen, die den Urnengang zum Anlass nehmen, den Theaterbetrieb kritisch unter die Lupe zu nehmen. «Ginge es um ein Schul- oder ein Verwaltungsgebäude, würde man solche Fragen nicht stellen», sagt Knecht und erinnert daran, dass es sich um eine reine Sanierungsvorlage handle: «Das Gebäude soll ganz bleiben, der Asbest soll raus, und die Mitarbeiter sollen anständige Arbeitsbedingungen haben. Nur darum geht es.» Nicht um Dreh- und Hebebühnen für die Schauspieler und andere Extrawünsche, die Knecht zwar hätte, aber aus diplomatischen Gründen nicht allzu laut äussert. «Ein Nein in der Abstimmung wäre schlecht für die ganze Ostschweiz.»

Naiv sei er gewesen und ungeduldig, als er nach St. Gallen zurückgekehrt sei, sagt Knecht. Auch dies ein Überbleibsel aus seiner Berliner Zeit. «Ich wollte alles ändern, und zwar sofort.» Aber er habe lernen müssen, dass das Stadttheater nun einmal ein grosser Betrieb sei. Ein Dampfer, mit dem Kursänderungen etwas länger dauern. Als freier Theatermacher in Berlin habe er jeweils viele Probleme erst in den Proben gelöst. Anders nun im «durchgetakteten Betrieb» in St. Gallen: «Da muss man ein Stück schon lange im Voraus komplett durchgedacht haben.» Dabei wünsche er sich, dass man auch hier «länger über Lösungen nachdenken würde für Dinge, die zunächst unmöglich scheinen».

Schauspielern in der Bäckerei

Kritischer über seinen Arbeitgeber äussert Knecht sich nicht. Er verhält sich an diesem Abend loyal, auch wenn er offensichtlich eine gesunde Rollendistanz bewahrt hat und sein Herz nach wie vor auch für experimentelles und ungebändigtes Theater schlägt. Am liebsten würde er in St. Gallen eine eigene Sparte für freie Theatermacher einführen. Am liebsten würde er seine Schauspieler in städtischen Ladenlokalen auftreten lassen, so wie sie es in der Bäckerei Schwyter schon getan haben. Er traut sich sogar zu, eine Olma-Halle vorübergehend für den Theaterbetrieb fit zu machen. An Ideen mangelt es ihm nicht, aber nach einer Spielzeit in St. Gallen wisse er, dass viele nicht realistisch seien. «Da stosse ich an die Grenzen des Hauses.»

Gut funktioniert habe allerdings der neue Container des Theaters. Knecht hat ihn schon an verschiedenen Orten in der Stadt aufstellen lassen, unter anderem im «Lattich» auf dem Güterbahnhof-Areal. Sein Ziel: Näher ran ans Publikum.

Auf die schwindenden Besucherzahlen angesprochen, sagt Knecht: «Ja, der finanzielle Druck ist da, und er ist gross.» Und nicht alles habe in seiner ersten Saison funktioniert wie erhofft. Die Uraufführung von Dürrenmatts Roman «Durcheinandertal» habe erstaunlich wenig Resonanz gehabt. Ernüchtert sei er gewesen, als ein von ihm geliebtes Stück des jungen Dramatikers Wolfram Lotz gefloppt sei. Wenn niemand den Titel eines Stückes kennt, dann sieht sich auch niemand das Stück an: das sei eine seiner Erkenntnisse. Doch will Knecht nun nicht auf Nummer sicher gehen und nur noch auf Goethe-Schiller-Shakespeare-Klassiker setzen. «Das genügt mir nicht. Ich möchte im Grossen Haus weiterhin Experimente wagen.»

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