TAGESBETREUUNG: Einstige Vorreiterin hinkt hinterher

Der Stadtrat will die ganztätige Betreuung von Schulkindern in den kommenden zehn Jahren flächendeckend ausbauen. Damit hinkt er hinterher, wie ein Vergleich mit anderen Deutschschweizer Städten zeigt.

David Gadze
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Das Betreuungsangebot an städtischen Schulen soll vor und nach dem Mittagessen flächendeckend ausgebaut werden. (Bild: Hanspeter Schiess)

Das Betreuungsangebot an städtischen Schulen soll vor und nach dem Mittagessen flächendeckend ausgebaut werden. (Bild: Hanspeter Schiess)

David Gadze

david.gadze@tagblatt.ch

Berufstätige Eltern dürften die Nachricht mit Freude vernommen haben: Der Stadtrat will bis 2026 die ganztätige familienergänzende Betreuung (FSA-plus) flächendeckend ausbauen (Tagblatt vom 28. Januar). Damit will er zum einen die grosse Nachfrage nach solchen Betreuungsangeboten befriedigen und zum anderen die Standortattraktivität der Stadt für Familien steigern.

Mit dem Angebot von Mittagstischen und Horten habe St. Gallen zu Beginn der 1990er-Jahre schweizweit eine Vorreiterrolle eingenommen, sagte Stadtrat Markus Buschor anlässlich der Vorstellung des Postulatsberichts zum Ausbau der Tagesbetreuung. Allerdings haben andere grosse Deutschschweizer Städte seither nicht nur aufgeholt, sondern die Stadt St. Gallen längst überholt.

Zürich testet die Tagesschule

Die Stadt Zürich kennt die flächendeckende Tagesbetreuung schon länger. Sie ist seit der Einführung des neuen kantonalen Volksschulgesetzes 2009 verpflichtet, jedem Kind bei Bedarf von 7.30 bis 18 Uhr einen Betreuungsplatz zur Verfügung zu stellen. Die Gemeinden können das Angebot freiwillig ab 7 Uhr an­bieten, wie es die Stadt Zürich tut. Dies habe seither zu einem enormen Ausbau des Betreuungsangebots geführt, sagt Regina Kesselring, Kommunikationsleiterin des Schulamts. Heute nehme rund jedes zweite Kind dieses Angebot in Anspruch, an Spitzen­tagen seien es sogar mehr.

Seit 2015 führt die Stadt Zürich an fünf Schulen das Pilotprojekt «Tagesschule 2025» durch. An Tagen, an denen die Kinder und Jugendlichen nachmittags Unterricht haben, bleiben sie über Mittag in der Schule. Diese Mittage sind «gebunden», eine Abmeldung von der Tagesschule ist auf Wunsch aber möglich. «Wir haben festgestellt, dass nur rund fünf Prozent der Eltern ihre Kinder abmelden», sagt Kesselring. Phase eins des Pilotprojekts dauert noch bis 2018 und kostet fast 20 Millionen Franken. Ziel ist, alle städtischen Schulen dereinst als Tagesschulen zu führen.

In Winterthur, mit rund 100000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Kantons Zürich, ist die Tagesbetreuung etwas ­anders organisiert. Sie ist zwar flächendeckend, eine Morgenbetreuung ab 7.30 Uhr werde wegen der mangelnden Nachfrage erst ab durchschnittlich zehn Anmeldungen pro Tag und Schule an­geboten, sagt Susann Queck von der Abteilung Familie und Betreuung der Stadt Winterthur. Der Stadtrat habe sich kürzlich bereiterklärt, die Betreuung bereits ab 7 Uhr zu ermöglichen, falls das Parlament die Finanzierung genehmigt. Nachmittags gibt es die schulergänzende Betreuung bis 18 Uhr. Ein Mittagstisch ist seit der Einführung der Blockzeiten auf das Schuljahr 2007/08 hin obligatorisch. Solche Angebote habe es schon seit den 1990er-Jahren gegeben, allerdings sei die Zahl der Plätze beschränkt gewesen, sagt Queck. In den vergangenen zehn Jahren sei die Nachfrage explodiert, entsprechend sei auch das Angebot massiv ausgebaut worden.

Auch in Bern und Luzern schon lange umgesetzt

Auch in Bern verpflichtet eine kantonale Vorgabe die Schulen dazu, bei einem Bedarf von zehn Kindern oder mehr ein Betreuungsangebot zur Verfügung zu stellen. Das hat dazu geführt, dass sich die vor rund 20 Jahren ins Leben gerufenen Mittagstische zu einer flächendeckenden Tagesbetreuung von 7 bis 18 Uhr für alle 20 Tagesschulen der Stadt ausgeweitet hätten, sagt Simone Iadeluca, Fachspezialistin für Tagesschulen und Projektleiterin Ferieninseln. Bei einzelnen Schulen wird die Betreuung an einer anderen Schule im gleichen Schulkreis angeboten, den Transport der Schüler organisiert die Stadt. «Die Nachfrage ist hoch, durchschnittlich jedes dritte Kind nimmt die Betreuungsangebote in Anspruch», sagt Iadeluca. Während der Schulferien gibt es sogenannte Ferieninseln, für die sich die Schülerinnen und Schüler im Voraus anmelden müssen. Es handelt sich um ein Angebot, das vollumfänglich durch die Stadt Bern finanziert wird.

Die Stadt Luzern, mit rund 80000 Einwohnern etwa so gross wie St. Gallen, bietet seit 2010 eine flächendeckende Tagesbetreuung von 7 bis 18 Uhr an.