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TAG DER FRAU: Stadträtinnen im Doppelinterview: "Bei Frauen schaut man genauer hin"

Die frisch gewählten Stadträtinnen aus Gossau und St.Gallen haben viele Gemeinsamkeiten – nicht aber in den politischen Positionen. Im Interview sprechen Claudia Martin und Sonja Lüthi über Mehrfachbelastungen, Rollenbilder und den Tag der Frau.
Luca Ghiselli und Sebastian Schneider
Claudia Martin (links) und Sonja Lüthi sitzen seit Anfang Jahr in den Exekutiven von Gossau und St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Claudia Martin (links) und Sonja Lüthi sitzen seit Anfang Jahr in den Exekutiven von Gossau und St. Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sie sind beide junge Mütter, ähnlich alt, fast gleich lang im Kantonsrat und seit Januar auch Stadträtinnen. Sind Ihnen diese Parallelen auch schon aufgefallen?
Claudia Martin: Ich kenne Sonja Lüthi schon lange. Wir sind uns während unserer politisch aktiven Zeit immer wieder begegnet. Im Stadtratswahlkampf zum Beispiel, als ich in Gossau und sie in St.Gallen aktiv war. Und dann ist sie sechs Monate nach mir auch Mutter geworden. Es gab also immer wieder Berührungspunkte.


Tauschen Sie sich vor diesem Hintergrund auch regelmässig untereinander aus?
Sonja Lüthi: Das kommt auf jeden Fall vor. Wir haben uns auch schon an Anlässen der Frauenzentrale getroffen. Und da sprechen wir auch Themen an, die uns im Moment beschäftigen – gerade als junge Mütter.


Haben Sie auch eine ähnliche Strategie, um mit der Mehrfachbelastung umzugehen?
Martin: Darüber haben wir uns noch nicht ausgetauscht, seit wir als Stadträtinnen im Amt sind. Lüthi: Dazu fehlte bisher auch die Zeit. Wir haben uns aber gegenseitig gratuliert, als wir Ende November in die Exekutive gewählt wurden. Das heisst aber nicht, dass die Mehrfachbelastung keine grosse Herausforderung ist.


Inwiefern?
Lüthi: Ich wäre jetzt eigentlich in der Kita, um meine Tochter abzuholen. Gerade für die Abendtermine muss ich mich immer mit meinem Mann absprechen und so ab und zu auch mal einen Babysitter organisieren.

Martin: Ich arbeite nur 50 Prozent als Stadträtin – daher ist der Takt schon eher vorgegeben. Daneben arbeite ich noch anderthalb Tage pro Woche als Lehrerin. So hat sich eine gewisse Routine bereits einspielen können. Aber auch ich muss meinen Weg noch etwas finden, um die Mehrfachbelastung zu meistern.


Wenn Politiker, die Väter sind, an einen Abendtermin gehen, fragt sie kaum jemand, wer denn nach den Kindern schaue. Stört Sie das?
Lüthi: Ja, und ich möchte dieses klassische Rollenbild, dass Kindererziehung in erster Linie Frauensache sei, auch aufbrechen. Ein Beispiel: Vor meiner Stadtratskandidatur habe ich mir natürlich schon überlegt, wie ich das Amt mit meiner Familie vereinbaren könnte. Und es fanden diesbezüglich auch viele Gespräche statt. Dann habe ich mich aber gefragt: Würde ich auch so zögern, wenn ich ein Mann wäre? Und kam zum Schluss: Nein. Da habe ich mich fast etwas über mich selbst geärgert.

Martin: Im Wahlkampf wurden diese Fragen auch immer wieder an mich herangetragen. Bei Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, schaut man wohl noch genauer hin als bei Männern. Aber ich glaube, das ist Teil des Geschäfts. Man lernt auch, damit umzugehen mit der Zeit. Ich habe ein stabiles Umfeld und nie ein Geheimnis aus etwas gemacht. Aber klar, hinter vorgehaltener Hand machen sich auch jetzt noch kritische Stimmen bemerkbar.


Zum Beispiel?
Martin: «Wer schaut denn nun zum Bub?» zum Beispiel. Aber das muss man akzeptieren. Man ist ja auch eine öffentliche Person – und das gehört dazu.


Heute wird der Tag der Frau gefeiert. Was bedeutet Ihnen dieser Tag?
Lüthi: Wenn ich 50 Jahre früher geboren wäre, könnte ich wahrscheinlich nicht Stadträtin sein. Dass ich es kann, verdanke ich auch unseren Vorkämpferinnen. Und obwohl ich mich in meinem Alltag gleichberechtigt fühle, gibt es viele Frauen, die es noch nicht sind. Vor diesem Hintergrund bedeutet mir der Tag der Frau schon etwas.

Martin: Da stimme ich zu. Für unsere Generation ist zum Beispiel die Karriere selbstverständlich. :Aber dafür brauchte es Vorkämpferinnen. Und diesen Frauen kann man dafür nicht genug danken. Der Tag der Frau ist für mich also auch eine Anerkennung für Frauen, die Vorarbeit geleistet haben, damit wir beide heute stehen können, wo wir sind.


Das tönt jetzt fast so, als wäre der feministische Kampf für Gleichberechtigung gewonnen. Wofür lohnt es sich trotzdem noch zu kämpfen?
Lüthi: Zum Beispiel für die Lohngleichheit. Und für alleinerziehende Mütter, für welche das Risiko gross ist, von der Sozialhilfe abhängig zu werden. Und auch für Teilzeitstellen, welche unter dem koordinierten Lohn entschädigt werden und für welche somit nicht in die Pensionskasse einbezahlt wird. Es bleibt also doch noch viel zu tun.


Sehen Sie das anders, Frau Martin?
Martin: Ich denke, es braucht neben den Rahmenbedingungen und politischen Forderungen vor allem auch Frauen, die einen solchen Alltag auch leben und eine Vorbildfunktion einnehmen.


Versuchen Sie das?
Martin: Mich fragen meine Berufsschülerinnen zum Beispiel, wie ich alles unter einen Hut bringe. Wenn ich es vorlebe, zeige ich so auch, dass es möglich ist. Man muss als Frau in der Öffentlichkeit auch eine Vorbildfunktion wahrnehmen. Es ist aber auch wichtig, dass wir Frauen untereinander solidarisch sind. Da setze ich manchmal ein Fragezeichen.


Mangelt es denn an Solidarität unter Frauen?
Lüthi: Man sagt zwar immer, dass Frauen untereinander eher kritisch eingestellt sind. Ich versuche diese Solidarität aber durchaus konsequent zu leben. Andererseits finde ich es falsch, jemanden beispielsweise für ein Amt zu bevorzugen, nur weil sie eine Frau ist.


Hatten Sie jemals das Gefühl, Sie mussten härter für Ihren politischen Erfolg arbeiten, weil Sie eine Frau sind?
Lüthi: Nein, eher im Gegenteil. Frauen sind sehr gefragt in der Politik. Das bedingt aber, dass man sich exponieren will und einen Zusatzaufwand nicht scheut.

Martin: Man muss viel Arbeit auf sich nehmen. Das gilt aber sowohl für Frauen als auch für Männer. Zudem bin ich ja in einem Parteiumfeld zu Hause, in dem es mehr männliche als weibliche Vertreter hat.

Sie sind nur eine von vier Frauen in der 40-köpfigen SVP-Fraktion im Kantonsrat.
Martin: Ja, aber ich habe nie irgendwelche Ressentiments gespürt. Und es ist auch nicht so, dass ich gebremst worden wäre. Im Gegenteil.


Nun sind Sie beide seit zwei Monaten Stadträtinnen. Wie haben Sie die ersten Wochen im Amt erlebt?
Lüthi:Es gibt enorm viel neue Themen, Strukturen und Personen, die ich gerade noch kennenlerne. Im Fokus steht gerade die Reorganisation der Spitex. Es gibt Tage, da bin ich von morgens um 6:30 Uhr bis abends um 22.30 Uhr unterwegs.

Martin: Das merkt man wohl den Unterschied zwischen Stadt und Land (lacht). Als Ur-Gossauerin kannte ich bereits vor Amtsantritt viele Personen aus der Verwaltung und die Organisation. Aber auch bei mir stand das Einlesen in aktuelle Geschäfte im Zentrum.


Dazu gehören die Reorganisation der Stadtwerke und die Neubesetzung des Geschäftsführers.
Martin: Richtig. Die Rekrutierung ist weit fortgeschritten. Es war mir wichtig, dass ich von Anfang an in diesen Prozess eingebunden war.


Bei allen Gemeinsamkeiten, die Sie haben: Wo liegen Ihre grössten Unterschiede?
Lüthi: Ich bin keine Ur-St.Gallerin so wie Claudia Martin eine Ur-Gossauerin ist. Ich lebe erst seit zehn Jahren in der Stadt.

Martin: Ich würde zum jetzigen Zeitpunkt nicht mit einem 100-Prozent-Pensum in die Politik wollen. Dafür schätze ich den Schulalltag zu sehr, und geniesse es, einfach Mutter zu sein.

Claudia Martin (SVP)

Seit Anfang Jahr steht Claudia Martin als Gossauer Stadträtin dem Departement «Versorgung Sicherheit» vor. Wie Sonja Lüthi wurde sie am 26. November ins Gremium gewählt. Sie setzte sich knapp, aber bereits im ersten Wahlgang gegen zwei Kontrahenten durch. Von 2005 bis 2013 politisierte die heute 39-Jährige im Gossauer Stadtparlament. Seit Juni 2013 ist sie Kantonsrätin. Die alleinerziehende Mutter eines dreijährigen Sohnes ist zudem Vorstandsmitglied des kantonalen Hauseigentümerverbandes und unterrichtet im Teilpensum am Kaufmännischen Berufs- und Weiterbildungszentrum in St. Gallen. (ses)

Sonja Lüthi (GLP)

Ihre deutliche Wahl am 26. November hat viele überrascht. Sonja Lüthi, 36, liess ihrem Konkurrenten Boris Tschirky keine Chance. Noch im November wurde bekannt, dass sie die Direktion Soziales und Sicherheit übernimmt. 2012 schaffte die Mutter einer zweijährigen Tochter den Sprung ins St. Galler Stadtparlament. Im Kantonsrat politisiert sie seit 2015 in der CVP/GLP-Fraktion. Sonja Lüthi stammt aus dem Kanton Aargau, studierte an der Universität Fribourg und doktorierte in St. Gallen. Bis zu ihrer Wahl in den St. Galler Stadtrat leitete Lüthi beim Landverband LV St. Gallen die Abteilung Farmenergie. (ses)

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