SVP mit Personalproblemen

ST.GALLEN. 308 Kandidierende auf 14 Listen wollen am 23. September ins St. Galler Stadtparlament. Bei der Zusammenstellung der Wahlvorschläge haben die grossen Parteien ihre Hausaufgaben gut gelöst. Mit Ausnahme der SVP. Ihre Liste schwächelt.

Reto Voneschen
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Wer nimmt nach dem 23. September neu im Saal des St. Galler Stadtparlaments im Waaghaus Platz? (Archivbild: Trix Niederau)

Wer nimmt nach dem 23. September neu im Saal des St. Galler Stadtparlaments im Waaghaus Platz? (Archivbild: Trix Niederau)

Langsam läuft auch der Wahlkampf um die 63 Sitze im St. Galler Stadtparlament an. Die einzelnen Parteien sind dabei, ihre Wahlplattformen öffentlich zu präsentieren. Zudem haben erste Standaktionen stattgefunden. Und auch erste Profilierungsaktionen von Einzelkandidaten haben wir hinter uns. Alle diese Bemühungen, die in den kommenden Wochen massiv zunehmen werden, haben ein einziges Ziel: Die Parteien wollen am 23. September ihre bisherigen Sitze im Parlament halten, möglichst neue hinzugewinnen oder mindestens ihre Verluste minimieren.

Überraschung immer möglich

Das Resultat der Stadtparlamentswahlen 2012 steht wie immer erst am Abend des Wahlsonntags fest. Überraschungen in die eine oder andere Richtung sind aber immer möglich. In der Vergangenheit ist es auch Aussenseitern und als chancenlos eingestuften Kandidaten gelungen, das Blatt durch einen guten Wahlkampf zu wenden. Eine einfache Aufgabe ist dies allerdings nicht.

Prognosen zum Wahlausgang sind immer Glückssache. Für jene, die im Kaffeesatz lesen, hat der St. Galler Wahlmarathon mit eidgenössischen, kantonalen und kommunalen Wahlgängen in rascher Folge immerhin einen Vorteil: Die Resultate der ersten Ausmarchungen zeigen Trends auf, die sich auf die folgenden Wahlen umlegen lassen (Tagblatt vom 28. März).

Ein Linksrutsch ist absehbar

Für die St. Galler Stadtparlamentswahlen 2012 heisst das konkret: Tendenziell legt Links-Grün zu, die Mitte verliert nur leicht (dank BDP), das rechtsbürgerliche Lager bricht ein. Gesamtresultat wäre ein leichter Linksrutsch. Rechnet man das Stadtsanktgaller Resultat der Kantonsratswahlen vom März auf die Stadtparlamentswahlen um, könnte das konkret heissen: SP und BDP legen zwei Sitze zu, Grüne und Grünliberale gewinnen je einen Sitz. Auf der anderen Seite verlieren SVP, FDP und CVP je zwei Sitze.

Diese rechnerische Prognose allein spiegelt die Realität allerdings unzureichend. Dies, weil das Wahlresultat von verschiedensten Faktoren beeinflusst wird. Zwei wichtige Aspekte sind die Qualität der Liste, mit der eine Partei antritt, und die Qualität des Wahlkampfes. Bekannte Köpfe und pointierte Auftritte können Trends mindestens teilweise umkehren.

FDP gibt sich kämpferisch

Rund fünf Wochen vor den Stadtparlamentswahlen zeichnet sich ab, dass mindestens eine bürgerliche Partei aktiv gegen den Trend ankämpfen will: Die FDP hat am Ende der Sommerferien einen Frontalangriff auf die Stadtratskandidaturen der SP lanciert – und damit Wirbel ausgelöst. Die Meinungen darüber, wem so ein Angriff bei den Stadtratswahlen selber mehr schadet – den Angegriffenen oder dem Angreifer –, gehen auseinander. Der FDP kann dies allerdings egal sein: Ihre bisherigen Stadträte sind ungefährdet. Und öffentliche Aufmerksamkeit, die für die Parlamentswahlen nützlich ist, hat sie definitiv auf sich gezogen. Der Schluss daraus: Die Liberalen sind offensichtlich nicht bereit, sich kampflos dem Trend zu ergeben.

Volle Listen, viele Bisherige

Von der CVP, der rein rechnerisch auch zwei Sitzverluste bevorstehen, war bisher noch nicht viel zu hören. Die Liste mit 27 Kandidierenden, darunter alle Bisherigen, ist solide. Das breite Spektrum der CVP-Wählerschaft ist gut abgebildet. Die Ausgangslage für den Wahlkampf ist also intakt.

Gleich zu beurteilen sind die Listen von SP/Juso, von Grünen/Jungen Grünen und von Grünliberalen. Es handelt sich durchwegs um volle Listen. Die meisten Bisherigen treten wieder an. Was wichtig ist, weil sie erfahrungsgemäss auf allen Listen immer mehr Stimmen sammeln als Neulinge. Das Fundament für den rechnerisch prognostizierten Erfolg ist also gelegt.

Die Hausaufgaben ebenfalls gemacht haben die EVP und die Politische Frauengruppe (PFG). Ihre Listen sind gut gefüllt. Die rechnerische Prognose, dass die EVP ihre zwei Sitze und die PFG ihren einen Sitz im Parlament halten werden, müsste von der Listengestaltung her also aufgehen.

Viel Konkurrenz für die SVP

Nicht «gut im Strumpf» ist dagegen die SVP. Nicht nur, dass ihr die rechnerische Prognose eine Niederlage voraussagt, auch ihre Liste schwächelt. Sie kann erstaunlicherweise keine volle Liste anbieten, sondern verfügt nur über 19 Kandidierende. Zudem treten nur sieben von elf Bisherigen erneut an.

Eine volle Liste ist darum wichtig, weil man weiss, dass viele eine Abneigung dagegen haben, einen nur teilweise gefüllten Wahlzettel in die Urne zu legen. Wird eine Liste aber mit Kandidatennamen anderer Parteien ergänzt, gehen ihr Stimmen verloren.

Für die SVP ist das eine ungemütliche Ausgangslage. Dies, weil mit den Kleinlisten der BDP, der Schweizer Demokraten (SD) und der UVP von Christian Hostettler diesmal mehr Angebote als auch schon vorhanden sind, die SVP-Wähler ansprechen und zum Auffüllen ihres Wahlzettels animieren könnten. Was sich negativ auf das Wahlresultat der SVP am 23. September auswirken würde – und sie letztlich sogar einen dritten Parlamentssitz kosten könnte.

Bild: RETO VONESCHEN

Bild: RETO VONESCHEN