STREITFRAGE: Zu viel Tinte schadet der Karriere

Tätowierungen sind über die Jahre salonfähig geworden. Bei der Jobsuche oder im Job selbst sollten sie kein Problem mehr darstellen. Die Realität sieht oft aber noch anders aus.

Alain Rutishauser
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Marko Zyfi ist Tätowierer bei «New York Ink» in Rorschach.

Marko Zyfi ist Tätowierer bei «New York Ink» in Rorschach.

Ausgangspunkt war ein TV-Auftritt bei «Glanz & Gloria». Die Moderatorin Bettina Bestgen ist bunt und grossflächig tätowiert. Grundsätzlich kein Problem, oder? TV-Kritiker René Hildebrand sieht das anders und äussert sich am 26. März kritisch ­darüber. Er schreibt Sätze wie: «Wenn ich Kriegsbemalung sehen will, schaue ich mir einen Indianer-Film an.» Auf den Kommentar hin stellen sich Hunderte auf den sozialen Medien hinter Bestgen und auch SRF gibt ein Statement ab, dass Tätowierungen für sie kein Problem seien. Trotzdem wird das Thema Tätowierungen am Arbeitsplatz nach dem Vorfall wieder brandaktuell.

«Grundsätzlich kann man schon sagen, dass es weniger ein No-Go im Job ist als früher. Es ist akzeptierter», sagt Peter Jerg, Geschäftsführer der Personalberatung Work-Shop in Rorschach. «Es ist jedoch immer noch so, dass bei zwei Bewerbern mit den gleichen Qualifikationen in vielen Fällen die Wahl auf denjenigen ohne Tätowierungen fällt.»

Je nach Branche extreme Unterschiede

Die Toleranz sei auch je nach Branche verschieden gross. «Es ist noch heute so, dass sie in einer Bank niemanden sehen werden mit einem Tattoo am Hals oder im Gesicht», sagt Jerg. Auf dem Bau oder in einem Industriejob sei das weniger entscheidend. Sobald aber viel Kundenkontakt bestehe, werde auf problematische Tattoos geachtet. «Grundsätzlich kann man sagen, dass Hände und Gesicht ein No-Go sind.» Etwas anders sieht das Frank Grosser aus Rorschach. Er hat mehrere Tattoos an den Armen und auch eines auf dem Hinterkopf. Bei seiner Nebentätigkeit als Taxifahrer hat er regelmässigen Kundenkontakt, Probleme gab es aber fast nie. «In den acht Jahren, die ich Taxi fahre, habe ich erst ­einen blöden Kommentar wegen meiner Tattoos erhalten», sagt Grosser. «Und derjenige war stark betrunken.»

Grosse Nachfrage nach Tattoostudios

Grosser weist darauf hin, dass die meisten Tattoostudios in der Umgebung monatelang ausgebucht seien und man nur schwer an einen Termin komme. «Diese grosse Nachfrage zeigt für mich, dass Tätowierungen zu mehr geworden sind als nur einem Trend.»

In einem solchen Tätowierstudio arbeitet Marko Zyfi, im «New York Ink» an der Hauptstrasse in Rorschach. «Ich habe zuerst Malerei gelernt, das hat mir aber nicht so sehr gefallen», sagt Zyfi. «Dann habe ich vor rund zehn Jahren ein Interesse für Tattoos entwickelt. Das hat Potenzial und wird in Zukunft noch viel stärker in Erscheinung treten.» Er könnte Recht haben. Denn am 3. April eröffnet an der Hauptstrasse in Rorschach gleich noch ein Tattoostudio von einem der besten Tätowierer, dem Italiener Alex de Pase (Tagblatt vom 30. März). Das Verständnis für Tattoos sei gewachsen. «Nur noch die alten Leute haben ein Problem damit.»

Marko Zyfi ist Tätowierer bei «New York Ink» in Rorschach.

Marko Zyfi ist Tätowierer bei «New York Ink» in Rorschach.

Ganz früher hatten Tätowierungen den Ruf, nur von Kriminellen getragen zu werden. Das sei längst nicht mehr aktuell. «Vielleicht noch einer aus zehn Kunden, denen wir ein Tattoo stechen, hat einen kriminellen Hintergrund», so Zyfi. «Die meisten anderen haben aber gute Jobs, sind im Büro oder als Ärzte tätig.» Auch er selbst hat mehrere Tattoos. Beide Arme sind dicht bedeckt. Bunte Blumen, Engel und Tiermotive reihen sich aneinander. An den Handgelenken hören die Tätowierungen aber auf. «Mir gefällt es so. Die Hände will ich freilassen.»

Auch im Gesicht würde sich Marko Zyfi kein Tattoo machen lassen. «Ich mag, dass man entscheiden kann, ob man seine Tattoos zeigen will oder nicht», so Zyfi. Die Arme könne man jederzeit mit langen Ärmeln verdecken. Bei Motiven an den Händen oder im Gesicht sei das nicht mehr möglich.

Frank Grosser hat als Taxifahrer keine grossen Probleme wegen seiner Tattoos. (Bild: Alain Rutishauser)

Frank Grosser hat als Taxifahrer keine grossen Probleme wegen seiner Tattoos. (Bild: Alain Rutishauser)