Streit um Altar schwelt weiter

ST.GALLEN. Ein ungewöhnlicher Streit bewegt die Gemüter im Bistum St.Gallen. Der katholische Konfessionsteil des Kantons will das Altar-Provisorium in seiner Hauptkirche, der Kathedrale St.Gallen, ersetzen. Gegen das Projekt läuft eine Petition.

Reto Voneschen
Drucken
Teilen
Die neue Altarinsel für die Kathedrale ohne Goldreif im Holzmodell. So soll das heftig diskutierte Projekt ab 21. Mai verwirklicht werden. (Bild: pd/Katholische Administration)

Die neue Altarinsel für die Kathedrale ohne Goldreif im Holzmodell. So soll das heftig diskutierte Projekt ab 21. Mai verwirklicht werden. (Bild: pd/Katholische Administration)

Dass der Umgang mit historischer Bausubstanz in der Stadt St. Gallen heute für Bauwillige schwieriger als auch schon ist, zeigen Beispiele: Die Interessengemeinschaft, die gegen den Abbruch der Villa Wiesental an der Rosenbergstrasse 95 weibelt, hat etwa über 5000 Unterschriften für den Erhalt des Hauses gesammelt. Die Eigentümer der auf der anderen Strassenseite stehenden Villa Jacob wiederum wollen dieses Haus für einen Neubau nicht abbrechen, sondern verschieben. Die Zeiten, in denen markante historische Häuser wie der «Neuhof» an der St. Leonhard-Strasse ohne Opposition durch ein Geschäftshaus wie den «Sankt Leopard» ersetzt wurden, scheinen vorbei.

Provisorium ersetzen

Eine grosse Zahl Städterinnen und Städter hegt heute Sympathien für historische Bauten. Da überrascht es nicht wirklich, wenn Veränderungen im bedeutendsten historischen Gebäude, das die Stadt zu bieten hat, nicht ohne Nebengeräusche ausgeführt werden können. Der katholische Konfessionsteil will den Altar in seiner wichtigsten Kirche, der Kathedrale im Unesco-Weltkulturerbe Stiftsbezirk St. Gallen, ersetzen. Das seit 45 Jahren bestehende Provisorium soll dem per Wettbewerb ermittelten Projekt «Placidus» des Londoner Büros Caruso St. John weichen. Nachdem der Entscheidungsfindungsprozess von Mai 2010 bis Juni 2012 ohne öffentlich wahrnehmbare Opposition abgewickelt wurde, soll am 21. Mai Baubeginn sein.

Petition fordert eine Denkpause

Dagegen wehrt sich seit Ende Februar der «Freundeskreis Stiftskirche St. Gallen». Er hat dafür die Petition «Stop! Denkpause!» lanciert, die bis Ende der letzten Woche von über 1500 Personen unterschrieben worden ist. Darin wird der Verzicht auf den ursprünglich zum Projekt gehörenden ovalen Goldreif über dem neuen Altar verlangt. Zudem soll die neue Altarinsel nicht aus einem Kunststein auf Betonbasis, sondern aus Sandstein gefertigt sein und auf das schmückende Ornament soll verzichtet werden. Drittens verlangt die Petition, auf das geplante leichte Schrägstellen der barocken Kirchenbänke zu verzichten. All diese Elemente passten nicht bis ins kleinste Detail durchdachte Konzept der Baumeister der Kathedrale. Sie störten und zerstörten es vielmehr, begründet das Petitionskomitee.

Goldreif «auf Eis gelegt»

Gar nicht mehr Bestandteil des bewilligten Ausführungsprojektes ist der Goldreif über dem Alter. Das dämpft die Opposition gegen «Placidus» in der breiten Öffentlichkeit merklich: Über den Reif, den der städtische Denkmalpfleger an einem öffentlichen Anlass als nicht bewilligungsfähig beurteilt hat, gab's quer durch die Bevölkerung Kopfschütteln. Der Reif ist – so die Formulierung der katholischen Administration – «auf Eis gelegt». Er sei «nicht Bestandteil des bewilligten Projektes». Die Gegner argumentieren jetzt, dass das kein endgültiger Verzicht sei.

Petition entgegennehmen

Die Gestaltung der Altarinsel selber ist auf jeden Fall lange nicht so heftig umstritten wie der Reif. Der Heimatschutz findet zwar diesen Projektteil in einer Stellungnahme unpassend, muss ihm aber doch auch «gewisse Qualitäten» zugestehen. Die katholische Administration verteidigt die Gestaltung der Altarinsel: Materialwahl und Farbgebung sei ein langer, von Fachleuten begleiteter Prozess gewesen, heisst es dort. Obwohl er der Ansicht ist, dass die Opposition zu spät kommt, will der Administrationsrat, die Regierung der St. Galler Katholiken, die Petition entgegennehmen und beraten. Wie viel Einfluss die Bittschrift aufs Projekt noch haben kann, ist offen. Angesichts der Zustimmung dazu in den Gremien – im katholischen Kollegium, dem kantonalen Katholiken-Parlament, gab's über 90 Prozent Ja-Stimmen – und angesichts des bisherigen Verlaufs der Diskussion ist es schwer vorstellbar, dass auf die Ausführung von «Placidus» im letzten Moment doch noch verzichtet wird.

Petition: placidus.findmind.ch Projekt: www.sg.kath.ch (Stichworte «Aktuell» und «Meldungen»)

Das umstrittene Rankenmuster auf den Stufen zum neuen Altar. (Bild: pd/Petitionskomitee)

Das umstrittene Rankenmuster auf den Stufen zum neuen Altar. (Bild: pd/Petitionskomitee)

Aktuelle Nachrichten