Strategien gegen das Vergessen

Der Kanton St. Gallen ist herausgefordert, Angebote für die Betreuung von Dementen anzubieten. Heute leben im Kanton 6600 Menschen mit Demenz. Im Jahr 2035 dürften es laut Schätzungen fast doppelt so viele sein.

Jana Rutarux
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Demenz – wenn nur noch die Erinnerungen bleiben. (Bild: fotolia)

Demenz – wenn nur noch die Erinnerungen bleiben. (Bild: fotolia)

Nicht die richtigen Worte finden, nach dem Einkauf nicht wissen, welcher Weg nach Hause führt und am Ende den eigenen Sohn nicht mehr wiedererkennen – Verluste des Erinnerungsvermögens und Funktionsstörungen des Gehirns, das sind Symptome der Demenz.

Die demographische Entwicklung in der Schweiz zeigt: Menschen haben eine immer längere Lebenserwartung; damit nimmt auch die Zahl älterer Personen in den Kantonen zu. «Diese Entwicklung stellt eine gesundheits- und sozialpolitische Herausforderung dar, denn mit zunehmendem Alter steigt auch die Gefahr, an Demenz zu erkranken», sagt Susi Saxer vom Institut für Angewandte Pflegewissenschaft an der Fachhochschule St. Gallen.

Die meisten Demenzkranken wohnen zu Hause und werden von Angehörigen gepflegt. «Je nach Stadium der Krankheit kann die Betreuung zu einem 24-Stunden-Job werden. Das ist eine grosse Belastung für die Angehörigen», hält Saxer fest.

Von der Strategie zum Projekt

Mit dem Ziel auf die künftigen Entwicklungen zu reagieren, wurde die «Nationale Demenzstrategie 2014–2017» erarbeitet und im November 2013 verabschiedet. Ein halbes Jahr später fiel der Startschuss zur Umsetzung.

Gemäss Saxer wurden Arbeitsgruppen gebildet, welche sich mit Abklärungen auf Kantonsebene befassen. In einem nächsten Schritt würden konkrete Projekte geplant. Die Kantone könnten sich aber nicht ewig Zeit lassen, so Saxer. «Es ist wichtig, dass in kurzer Zeit bestehende Angebote weiterentwickelt und neue geschaffen werden.» Denn gemäss Schätzungen der Schweizerischen Alzheimervereinigung leben im Kanton St. Gallen momentan 6600 Menschen mit einer Demenzerkrankung. In gerade einmal 21 Jahren dürften es bereits 12 700 sein.

Postulat aus dem Jahr 2007

Der Kanton St. Gallen sei schon seit längerem mit der stetigen Weiterentwicklung der Angebote für Menschen mit Demenz beschäftigt, sagt Matthias Mayrhofer, Leiter der Abteilung Alter beim Kantonalen Amt für Soziales. Im Kantonsrat wurde 2007 das Postulat zur «Versorgung Demenzkranker» eingereicht. Das Departement des Innern erstelle nun unter Mitarbeit des Gesundheitsdepartements einen Bericht, sagt Mayrhofer. «Das Ziel ist es, die Nationale Demenzstrategie auf die Bedürfnisse des Kantons St. Gallen herunter zu brechen.»

Der Bericht steht kurz vor der Fertigstellung – im Verlauf des nächsten Jahres soll er gemäss Mayrhofer vorgelegt werden. «Wir haben im Hinblick auf die Nationale Demenzstrategie zugewartet, um Doppelspurigkeiten zu vermeiden», sagt er. Nachdem die Bedürfnisse im Kanton dargelegt und Schwerpunkte gesetzt worden sind, werde dem Bericht nun der letzte Schliff gegeben. Dafür werde die Zusammenarbeit mit Fachverbänden, wie beispielsweise der Alzheimervereinigung, intensiviert. Auch danach gehe die Arbeit weiter – denn der Ausbau von Angeboten und die Ausbildung von genügend Fachpersonal brauchten Zeit. «Alle Beteiligten sind gefordert», so Mayrhofer.

Offene Finanzierung

Um konkrete Projekte vorzustellen, sei es noch zu früh, so Mayrhofer. Er weist aber darauf hin, dass in Zukunft die Durchlässigkeit zwischen stationärer Pflege und der Pflege zu Hause verbessert werden sollte. «Wir stellen fest, dass die Leute möglichst lange zu Hause bleiben wollen. In diesem Fall braucht es genügend Unterstützung für die Betroffenen und ihre Angehörigen», sagt Mayrhofer.

Ein grosses Fragezeichen besteht noch im Bereich Finanzierung. Gemäss Mayrhofer prüft ein Bundesprojekt, ob es Finanzierungslücken gibt. «Dies abzuklären ist ein primäres Ziel der Nationalen Demenzstrategie.»

Veranstaltung für Öffentlichkeit

Unter anderem gehört die Information der Bevölkerung zu den zentralen Handlungsfeldern der Nationalen Demenzstrategie. Dies soll letztlich zu mehr Verständnis gegenüber Betroffenen führen. Mit Blick auf den zweiten Demenz-Kongress in St. Gallen, der sich an ein Fachpublikum wendet, lädt die Fachhochschule St. Gallen kommenden Dienstag zu einer öffentlichen Veranstaltung.

Interessierte können sich von 16.30 bis 18.30 Uhr im Fachhochschulzentrum an Ständen und bei Kurzvorträgen über St. Galler Unterstützungsangebote informieren. «Es ist uns wichtig, etwas für die Bevölkerung zu machen», sagt Susi Saxer. «Das Thema Demenz betrifft uns alle. Schliesslich kann es jeden treffen.»