STRASSENFESTIVAL IN ST.GALLEN: Der sensible Showman

Joe Dieffenbacher hat an Produktionen von Take That mitgewirkt und Shakespeare-Stücke in London mitinszeniert. Am «Aufgetischt» tritt er heute in der südlichen Altstadt als Strassenkünstler auf.

Luca Ghiselli
Drucken
Teilen
Trotz Regen hat Joe Dieffenbacher als Nakupelle bereits gestern, am ersten Festivaltag des «Aufgetischt», sein Publikum mit Slapstick und artistischen Einlagen unterhalten. (Bild: Benjamin Manser)

Trotz Regen hat Joe Dieffenbacher als Nakupelle bereits gestern, am ersten Festivaltag des «Aufgetischt», sein Publikum mit Slapstick und artistischen Einlagen unterhalten. (Bild: Benjamin Manser)

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Joe Dieffenbachers Berufsleben ist ein einziger Spagat. Zwischen Hochkultur und Kleinkunst, Slapstick und Shakespeare, Zuhause und der Strasse. Mit dem Auto ist der Artist und Komiker am ­Donnerstag von seinem Wohnort ­Oxford nach St. Gallen gefahren. Hier steht er seit gestern am «Aufgetischt» in der Altstadt vor Publikum und zeigt unter dem ­Namen Nakupelle sein Soloprogramm «The Trap» – eine Mischung aus Artistik und Slapstick.

Seine Frau und Kompanie-Partnerin Minna Matilda ist in England geblieben. «Ich trete auch als Nakupelle auf, wenn ich alleine unterwegs bin», sagt Dieffenbacher. Sein Werdegang liest sich, als hätte alles so kommen müssen, wie es auch gekommen ist. Geboren wurde der Künstler im Bundesstaat New York. Weil sein Vater bei der Army war, zog seine Familie oft um. «Ich bin deshalb schon von klein auf daran gewöhnt, oft unterwegs zu sein», sagt er. Schon früh war er ein Pausenclown, machte das später im Zirkus zum Beruf. Nach dem Clown College formierte Dieffenbacher seine eigene Truppe, tourte damit durch die USA, bildete sich in Kalifornien weiter und begann eigenes Material zu produzieren, an europäischen Festivals zu spielen. Vor sechs Jahren zog er mit seiner Frau nach England, dort ist er aber nur im Winter, wenn er neues Material produziert und sich seiner ­Tätigkeit als Regisseur hingibt.

Das Spontanität der Strasse zieht ihn an

Dieffenbacher hat 2009 an «The Circus», einer grossen Produktion der britischen Band Take That mitgewirkt und eine der Hauptrollen gespielt. Eine Riesensache sei das gewesen, sagt Dieffenbacher rückblickend. «In den USA kennt man die Band aber gar nicht. Ich habe deshalb zu Beginn gar nicht realisiert, wer da vor mir stand, als ich die ­ Band das erste Mal traf», sagt der 55-Jährige und lacht. Daraus hätten sich andere Projekte ergeben, die Inszenierung von Shakespeares «Taming of The Shrew» im Londoner Globe Theatre zum Beispiel. «In unserer Branche weiss man nie, was kommt. Man braucht Glück, aber muss es sich auch verdienen.» Trotz aller Grossprojekte: Die Auftritte an Strassenfestivals wie dem «Aufgetischt» will Dieffenbacher nicht missen. «Jede Show ist anders, weil ich das Publikum auf die Bühne hole», sagt er. Das Unerwartete sei zentral an Auftritten auf der Strasse. «Man muss als Künstler zuhören, sensibel sein. Nicht hinstehen und denken: Ich mache jetzt meine Show und fertig.» Hinzu komme, dass im Gegensatz zum Theater das Publikum auch andere Zuschauer beobachte. «Es formt sich ein Kreis. Als Künstler muss man deshalb 360 Grad im Blick haben. Wie in einer Manege.»

Nächste Stationen: Belgien und Italien

An bis zu 15 Strassenfestivals spielt Dieffenbacher jeden Sommer. In St. Gallen war er noch nie, dafür schon in Bern und Chur. «Leider habe ich bis jetzt nur sehr wenig von der Stadt gesehen», sagt er. Für einen Spaziergang durchs Klosterviertel hat es aber trotzdem gereicht. «Die Schweiz ist idyllisch, und die Festivals sind ausgezeichnet organisiert», lobt der Artist. Lange bleibt Dieffenbacher diesmal nicht im Land. Nach der letzten Vorstellung heute Abend packt er seine Requisiten zusammen und fährt zurück nach England. Nächste Destinationen: Belgien, Italien und US-Bundesstaat Wisconsin.

Strassenfestival «Aufgetischt» Sa, 14.00–23.45, Altstadt. www.aufgetischt.ch.

Aktuelle Nachrichten