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ST.GALLER ZUFLUCHTSSTÄTTE: "Wo sollte ich denn sonst wohnen?"

Ein Unfall, ein Todesfall, eine Krankheit: Unvorhersehbare Ereignisse werfen Menschen aus der Bahn, bringen sie auch in Not. In der "Herberge zur Heimat" finden sie ein Dach über dem Kopf. Ihre Angebote sind einzigartig für die Stadt St.Gallen.
Nina Rudnicki
St. Gallen - Herberge zur Heimat Reportage (Bild: Ralph Ribi)

St. Gallen - Herberge zur Heimat Reportage (Bild: Ralph Ribi)

Nina Rudnicki

stadtredaktion@tagblatt.ch

"Unfälle passieren halt einfach", sagt der Mann. "Über zwanzig Jahre habe ich im Rheintal und in Frauenfeld als Berufssoldat gearbeitet. Danach erhielt ich eine IV-Rente von 50 Prozent und wurde ins Büro versetzt." Mit den Unfällen, auf die er jetzt im Gespräch nicht weiter eingehen möchte, hören die Schicksalsschläge aber nicht auf: Vor zehn Jahren habe es in der Familie mehrere Todesfälle gegeben erzählt der Mann. "Alle drei Monate starb jemand. Danach bekam ich schizophrene Schübe und konnte meine Wohnung nicht mehr verlassen."

Zunächst kam der heute Ende 50-Jährige deswegen in die Psychiatrie nach Wil. Danach organisierte ihm ein Beistand von der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) einen Platz in der "Herberge zur Heimat". Hier lebt er seit neun Jahren, kann seinen Tagesablauf so gestalten, wie er möchte, und erhält drei Mal täglich eine Mahlzeit. Ausserdem übernehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Herberge die Medikamentenabgabe.

"Ich wüsste nicht, wo ich sonst wohnen sollte", sagt der Mann. Und seine Geschichte ist typisch für die Bewohnerinnen und Bewohner der Herberge: Sie alle haben etwas erlitten, das sie aus ihrem Alltag gerissen hat und durch das sie jetzt auf Hilfe angewiesen sind.

Gekoppelt mit einem Hotelbetrieb

Zur "Herberge zur Heimat" gehören 19 Einzelzimmer und acht Stadtwohnungen. Die Herberge liegt direkt neben dem Hotel Vadian beim Gallusplatz und bietet Menschen in Not und Bedrängnis eine günstige Unterkunft. Hotel und Herberge sind eine Doppelinstitution und werden als ein Betrieb geführt.

Wer in die Herberge zieht, bekommt Hilfe bei der Neuorientierung nach dem Verlust einer tragenden Lebensstütze. Die Einrichtung ist auch eine Anlauf­stelle nach dem Austritt aus einer stationären Behandlung oder dient als Übergangslösung bei Beziehungskrisen, als Halt bei der Neigung zur Verwahrlosung oder als Sprungbrett für die Wiedereingliederung.

Der Eingang der "Herberge zur Heimat". Diese befindet sich beim Gallusplatz direkt neben dem Hotel Vadian (rechts im Bild). (Bild: Ralph Ribi)

Der Eingang der "Herberge zur Heimat". Diese befindet sich beim Gallusplatz direkt neben dem Hotel Vadian (rechts im Bild). (Bild: Ralph Ribi)

"Bei uns finden jene einen Platz, für die es keine passenden Institutionen gibt und die durch die Lücken im System fallen", sagt Donat Wick, Leiter der Herberge und des Hotels. Das können Personen sein, die zu jung für ein Altersheim sind, sich wegen ihrer finanziellen Situation keine Alternative leisten können, aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr alleine leben können. Das können aber auch Krebspatienten sein, die sich nach dem Spitalaustritt einer ambulanten Chemotherapie unterziehen müssen und körperlich so geschwächt sind, dass sie nicht selbstständig wohnen können. Mit ihrem Angebot ist die "Herberge zur Heimat" für die Stadt St.Gallen eine einzigartige Einrichtung.

Jeder Bewohner hat seine eigene Geschichte

In der Herberge ist es ruhig. Die meisten Bewohner haben sich zurückgezogen. So auch Frau von Ende 60, die in ein neues Zimmer gezogen ist und Bilder aufhängt. Nach einiger Zeit kommt sie in die kleine Gemeinschaftsküche im ersten Stock, setzt sich an den Tisch und zieht einen roten Weihnachtsstern zu sich heran. Sie streicht mit ihren Fingern über die Pflanzenblätter und beginnt, von ihrem Leben zu erzählen.

"Ich habe früher immer gerne gegärtnert und gekocht", sagt sie. "Das fehlt mir in der ‹Herberge zur Heimat›. Aber manchmal helfe ich beim Gemüserüsten." An der Herberge gefalle ihr am besten, dass sie Gesellschaft habe. "Das ist wohl wegen meiner Kindheit so. Wir haben damals zu siebt in einem Zimmer geschlafen. Und auch später war ich immer unter Menschen. Ich habe in Italien und auch in einem Kibbuz in Israel gelebt." Seit einem Hirnschlag sei sie nun aber auf Unterstützung angewiesen.

Vom Gespräch angezogen, kommt ein weiterer Bewohner an den Tisch. Ihn haben Todesfälle, die er nie verkraftet hat, aus der Bahn geworfen. Bald entsteht eine etwas stockende Unterhaltung über einen Autisten, der in der Herberge so zurückgezogen lebt, dass ihn kaum jemand sieht und kennt. Nach einer Weile kehren beide in ihre Zimmer zurück.

"Jeder akzeptiert die Eigenheiten des Anderen"

Im Aufenthaltsraum starrt derweil ein junger Mann auf den Fernseher. Neben ihm sitzt der ehemalige Berufssoldat und raucht eine Brissago. Die beiden wechseln kein Wort. Im Hintergrund brennt die Kerze eines Adventskranzes.

"Bewohnerinnen und Bewohner kennen gegenseitig ihre Geschichten und akzeptieren die Eigenheiten der anderen", sagt Donat Wick. "Jede und jeder ist eine Persönlichkeit und hat ein spannendes Leben geführt. Nur ist dieses irgendwann nicht mehr gradlinig weiterverlaufen."

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