Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

ST.GALLER RABBINER: «Ich gelte als Ketzer, weil ich alles hinterfrage»

Er setzt sich ein für den Dialog zwischen den Religionen: Tovia Ben-Chorin ist seit einem Jahr Rabbiner der jüdischen Gemeinde in St.Gallen. Ein Gespräch über das Alter, jüdisches Leben in der Ostschweiz, Kriegserlebnisse und den Nahostkonflikt.
das Gespräch Führten Julia Nehmiz und Janique Weder, Bilder: Benjamin Manser
Ein wacher Geist und Menschenfreund: Tovia Ben-Chorin liebt den Austausch mit anderen. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Ein wacher Geist und Menschenfreund: Tovia Ben-Chorin liebt den Austausch mit anderen. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Herr Ben-Chorin, Sie sind nun 80 Jahre alt. Verzeihen Sie, aber wann gehen Rabbiner in Rente?

Tovia Ben-Chorin:(lacht) Genau das habe ich einmal einen Gelehrten gefragt. Da antwortete er: «Tovia, when you don't need to be needed», wenn du nicht mehr brauchst, gebraucht zu werden.

Sie werden also noch gebraucht.

Ben-Chorin: Ich bin wie eine Schweizer Kuh, ich habe Milch, und ich gebe gern Milch. Ich habe einen Dreijahresvertrag bei der Jüdischen Gemeinde. Solange ich noch gesund bin und Gott mir die Kraft gibt, mache ich weiter. Andere in meinem Alter bewegen sich in dem Dreieck Arzt, Kaffeehaus und Bank. Danach sehne ich mich noch nicht.

Bevor Sie nach St.Gallen kamen, waren Sie sechs Jahre Rabbiner in Berlin. War das nicht eine Art Kulturschock, in die kleine Ostschweizer Stadt zu wechseln?

Ben-Chorin:St.Gallen ist gar nicht so winzig klein. Es ist ein schöner Ort für meine Frau und mich. Ich kannte die Stadt und einige Leute hier noch aus meiner Zürcher Zeit. Und: In St.Gallen kann ich noch arbeiten. In Israel wäre ich ausgestellt in der Galerie derjenigen, die mal etwas waren. Jerusalem etwa ist voll von solchen Leuten.

Die Jüdische Gemeinde St.Gallen hat rund 100 Mitglieder.

Ben-Chorin:Ja, es ist eine kleine, aber selbständige Gemeinde. Sie tut alles, um weiter zu existieren.

Das jüdische Leben ist in der Stadt nicht sehr präsent. Wo können Sie einkaufen?

Ben-Chorin: Koscheres Fleisch kaufen wir in Zürich. Wenn wir in Restaurants gehen, bestellen wir Fisch oder vegetarisch. Wir schauen einfach, dass kein tierisches Fett verwendet wurde. Da unterlaufen einem auch mal Fehler, aber das ist nicht schlimm. Die Decke ist uns noch nicht auf den Kopf gefallen. Ein Orthodoxer würde allerdings nicht zu uns zum Essen kommen.

Weil Sie nicht koscher genug kochen?

Ben-Chorin: Nein, wegen meiner theologischen Ansichten.

Sie gelten als liberaler Rabbiner.

Ben-Chorin:Ich bin bereit, alle traditionellen Quellen, Bibel, Talmud, auch mündliche Überlieferungen, in akademischer Form zu analysieren. Und ich setze mich sehr für den interreligiösen Dialog ein.

Was unterscheidet Sie von einem Orthodoxen?

Ben-Chorin:Die orthodoxe Position ist regressiv. Man denkt, frühere Generationen lebten ideal, die Gegenwart ist immer schwächer gegenüber früher. Die liberale Position ist progressiv, je nach Zeitalter gab und gibt es mal mehr, mal weniger geistige Führer. Ich hinterfrage die Dinge, ich kann auch einmal Fehler machen. Aber lieber mache ich einmal einen Fehler, als dass ich a priori alles unterschreibe.

Können Sie ein Beispiel geben?

Ben-Chorin:Am Sabbat darf man kein Essen warm machen – man soll kein Feuer anzünden. Damit man trotzdem etwas Warmes essen kann, gibt es Warmhalteplatten, die am Freitagabend angeschaltet werden und das Essen den ganzen Sabbat über warmhalten. Das widerspricht aber der heutigen Notwendigkeit, Energie zu sparen. Früher musste man keine Energie sparen, man war sich der Umweltthemen schlicht noch nicht bewusst.

Das klingt nach starren Regeln. Warum befolgt man diese?

Ben-Chorin:Ich brauche Rituale nicht, um mehr Punkte im Himmel zu bekommen. Rituale helfen, abstrakte Dinge begreifbar zu machen. Die Kerzen anzuzünden, den Segen über Brot und Wein zu sprechen, das brauche ich, um die Wonne des Sabbats zu spüren. Um das Judentum zu spüren, ist es nicht genug, sich nur intellektuell damit zu beschäftigen. Es gibt Leute, denen das genug ist, aber nicht für meine Frau und mich.

Sie mussten sicher auch Kritik einstecken für Ihre offene Haltung.

Ben-Chorin: In Israel gelte ich als Ketzer, weil ich alles hinterfrage. Weil ich nicht glaube, dass alles von Gott kommt. Vieles kommt von Menschen. Wichtig sind doch die Werte und die damit verbundenen Imperative. Bin ich ein besserer Mensch, wenn ich an Sabbat kein Feuer mache, dafür aber jemandem nicht helfe, der Hilfe braucht?

Arbeiten Sie deshalb nicht in Israel?

Ben-Chorin: Ich habe in Jerusalem gearbeitet. Aber das liberale Judentum ist vom Staat Israel nicht anerkannt.

Warum sind Sie Rabbiner geworden?

Ben-Chorin: Ach, das kann man nicht in zwei Sätzen erzählen. Es gab ein paar Schlüsselerlebnisse.

Die würden wir sehr gerne hören.

Ben-Chorin:Ich musste an drei Kriegen teilnehmen in der Panzerabwehr, 1956, 1967, 1973. Zum Glück bin ich lebendig herausgekommen. Aber meine Hände sind nicht rein. Man schiesst auf Panzer, gibt Befehle, erobert Orte. Beim Reparieren der Panzerketten fanden wir Fleischstücke von Menschen. Das ist nicht angenehm.

Wie hat der Krieg Sie beeinflusst?

Ben-Chorin:Mit den Panzern krochen wir einen Hügel herauf, der Kommandant erklärte uns, wo wir angreifen müssen. Da sehe ich die Hände eines Toten auf der Erde, ein Ehering am Finger. Ein Gedanke durchfährt mich wie ein Blitz: Auf den wartet eine Familie, die wissen es noch nicht, aber ich weiss es schon. Das Erlebnis ist der Grund, weshalb ich keinen Ehering trage. Ein weiteres Schlüsselerlebnis war in einer Ruhepause eines Kampfes. Jemand kam zu mir, ein verletzter ägyptischer Offizier wolle noch mit jemanden sprechen, ich könne doch Englisch. Ich ging zu ihm. Er lag da, auf einer Bahre. Da fragte er mich: «Hat man Sie gefragt, ob Sie hier sein wollen?» Ich überlegte und sagte: «Nein, das war ein Befehl.» Er antwortete: «Bei mir ist es genauso. Uns hat niemand gefragt.» Dieses Gespräch hat einen starken Eindruck hinterlassen. Ich habe die Kraft des Dialogs erlebt. Sie hat mich bis heute nicht losgelassen. Ich glaube sehr an den Dialog. Mit allen. Es gibt keine andere Waffe gegen den Krieg als Sprache und Brücken bauen.

Dialog gegen Krieg: Wäre das auch im Nahostkonflikt eine Option?

Ben-Chorin: Derzeit versucht Israel, seine Ziele durch Macht und Kraft zu erreichen, nicht durch Dialog. Aber man muss mit Gesprächen beginnen. Auf allen Seiten. Mit allen. Ich würde auch mit der Hamas reden, warum nicht? Aber es ist leichter, Hass in einen Menschen hineinzujagen als Hoffnung und Veränderung, die er mittragen muss.

Sie sind kein Politiker. Gibt es trotzdem Hoffnung für diesen Dialog?

Ben-Chorin: Für mich gibt es diese Hoffnung, ja. Wir werden einen Weg finden müssen. Wir müssen mit den Arabern zusammenleben, wir haben keine Wahl. Schauen Sie, nach jedem Krieg kommt es zu Verhandlungen. Die Frage ist, wie viele Menschen umkommen müssen, bis diese starten. Ich meine aber, für jedes Leben, das ich retten kann, egal auf welcher Seite, ist kein Preis zu hoch.

Angenommen, Sie hätten einen Wunsch frei für den Nahen Osten, welcher wäre das?

Ben-Chorin: Dass die verschiedenen ethnischen Gruppen Staaten bekommen, dass sie ihre Kultur weiterentwickeln können, dass wirtschaftlich starke Gruppen allen helfen. Ich träume von einer lockeren Föderation beispielsweise zwischen Israel, Westbank und Jordanien. Eine Art föderalistisches System wie in der Schweiz.

Die Schweiz kann man schwerlich mit dem Nahen Osten vergleichen.

Ben-Chorin: Nicht vergleichen, aber sich zum Vorbild nehmen.

Was hat für Sie Vorbildcharakter?

Ben-Chorin: In der Schweiz leben vier ethnische Gruppen unter einer Flagge, trotzdem behalten sie ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Religion. Die Schweiz ist für mich das Foyer zum Paradies. Sie hat etwas Stabiles.

Die Welt ist zurzeit alles andere als dialogbereit. Krieg, Terror, Flüchtlingskrise: Verzweifeln Sie nicht an der Menschheit?

Ben-Chorin: Gegenfrage: Wird die Welt besser, wenn ich verzweifle? Wird die Welt besser, wenn ich nichts tue? Wenn ich warte, bis der Messias kommt, bin ich faul. Aber wenn ich ein Co-Partner des Schöpfers bin, kann ich sagen, mit seiner Hilfe werde ich Energie finden und kann sie vielleicht weitergeben.

Um zu dieser Haltung zu finden, hilft einem wohl der Glaube.

Ben-Chorin: Ich bevorzuge das hebräische Wort für Glauben, es bedeutet Vertrauen. Vertrauen ist elementar für unser Zusammenleben. Für jeden. Auch für Atheisten. Ich liebe Atheisten. Sie ringen mit Gott, mit dem Konzept der Religion. Das ist mir lieber als jemand, der ohne zu hinterfragen zu allem Ja sagt.

Apropos: Sie haben vor fast 54 Jahren zu Ihrer Frau Ja gesagt. Wie machen Sie das, so lange verheiratet zu sein?

Ben-Chorin: Das müssen Sie meine Frau fragen. (ruft:) Adina? I need your help! Was ist das Geheimnis unserer Ehe?

Adina Ben-Chorin:Da gibt es kein Geheimnis. Wir haben uns 1958 in den USA kennengelernt, haben 1962 geheiratet, sind 1965 nach Israel gezogen. Wir haben immer zusammengearbeitet. Wir teilen dieselben Interessen. Und wir wollen beide die Idee eines progressiven Judentums in Israel unterstützen.

Herr Ben-Chorin, bevor Sie nach St.Gallen kamen, hatten Sie gesagt, Sie wollen hier mehr Zeit mit Ihrer Frau verbringen und im Wald spazieren gehen. Hat sich das erfüllt?

Tovia Ben-Chorin: Von meiner Seite aus schon...

Adina Ben-Chorin: Du träumst. Wir gehen nie im Wald spazieren. Aber es stimmt, du bist weniger in die Arbeit involviert als in Berlin. Ja, wir geniessen die Zeit zusammen.

Das Buch «Halacha», Ben-Chorins «Wegweiser». (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Das Buch «Halacha», Ben-Chorins «Wegweiser». (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

ST. GALLEN 22.06.2016 - Reflexe-Interview mit dem St. Galler Rabbiner Tovia Ben-Chorin. Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

ST. GALLEN 22.06.2016 - Reflexe-Interview mit dem St. Galler Rabbiner Tovia Ben-Chorin. Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.