Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ST.GALLEN: Zwangsmassnahmen: Erlittenes Leid erträglicher machen

Gestern fand im Pflegeheim Bruggen eine Informationsveranstaltung statt für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen vor dem Jahr 1981. Noch bis Ende März können Betroffene sich melden.
Brigitte Schmid-Gugler
Charismatisch und tatkräftig: Guido Fluri, Initiant der Wiedergutmachungsinitiative, will möglichst viele Opfer erreichen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Charismatisch und tatkräftig: Guido Fluri, Initiant der Wiedergutmachungsinitiative, will möglichst viele Opfer erreichen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Er scheut weder das Rampenlicht, noch ist er sich zu schade, auf kleinen, unscheinbaren Podien aufzutreten. Gerne auch da und dort mit einer Beziehungs- oder Homestorys in einschlägigen Medien präsent, liess es sich Stiftungsgründer Guido Fluri nicht nehmen, höchstpersönlich anwesend zu sein, um weitere mögliche Opfer ganz direkt anzusprechen. Ein kleines Grüppchen älterer Menschen lauschte dem Vortragenden, als er nochmals Zweck und Hintergrund der von ihm 2014 lancierten Volksinitiative «Wiedergutmachung für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen» ausrollte. Ungezwungen schilderte der heute sehr erfolgreiche Unternehmer und frühere Inhaber des Labels «Miss Schweiz»-Schönheitswettbewerbs die turbulenten Ereignisse, nachdem innerhalb weniger Monate 110 000 Unterschriften für eine Volksinitiative gesammelt worden waren.

Eigene Leidensgeschichte war Antrieb

Philanthrop Fluri war aus persönlicher Betroffenheit aktiv geworden: Mit seiner alleinerziehenden Mutter lebte der heute 51-Jährige in einem 1000-Seelen-Dorf. Als seine Mutter an Schizophrenie erkrankte, wurde der Bub fremdplatziert. Heute will er Menschen helfen, die Ähnliches oder Schlimmeres erlebt haben. «Viele dieser Opfer leben heute bereits in einem Alters- oder Pflegeheim, auch sie wollen wir schweizweit finden und dazu ermuntern, ein Gesuch um Wiedergutmachung einzureichen.»

Bereits erledigt hat das der anwesende 56-jährige P. «Im Alter von zwei Jahren hat man mich in den Knast gesteckt», poltert der Rheintaler. Die gesamte Kindheit und Jugend verbrachte er in Kinderheimen in Altstätten, Gais und Herisau. Frau S. erzählt von ihrer Grossmutter, der man nach der Scheidung alle sechs Kinder weggenommen hatte. «Sie nahm sich das Leben. Ihre Tochter – meine Mutter, beging, als ich zwanzig Jahre alt war, ebenfalls Suizid. Sie litt ihr Leben lang an ihrer Geschichte. Es war niemand da, der Hilfe bot.» Sie sei gekommen, um zu unterstreichen, dass nicht nur die direkt Betroffenen, sondern auch jüngere Angehörige am Leid zu nagen hätten, das ihren Eltern und Grosseltern angetan worden sei.

Viele Betroffene trauen sich nicht, sich zu melden

Die Vorlage zur Volksinitiative war vom Parlament, welches eine Präjudiz verhindern wollte, abgelehnt worden. 2016 jedoch hiessen National- und Ständerat den Gegenvorschlag des Bundesrates gut. Nachdem auch die Referendumsfrist unbenützt abgelaufen war, konnte das Gesetz im April 2017 in Kraft treten. Der Bund stellte für die vermuteten 12 bis 15’000 Opfer in der Schweiz einen Solidaritätsbeitrag von insgesamt 300 Millionen Franken zur Verfügung. Betroffene wurden aufgefordert, das vorbereitete Gesuch auszufüllen und einzureichen. Für viele alte Menschen, deren Leidensgeschichte lange zurück liegt, eine zu grosse Hürde. «Viele trauen sich bis heute nicht, über ihre Geschichte zu sprechen. Sie empfinden Scham und Schande und wollen nicht alte Wunden aufreissen. Oder sie finden, es gehe ihnen ja heute gut und sie bräuchten deshalb keine Genugtuung mehr», schildert Guido Fluri.

Wieder andere wollen nicht erneut mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden oder scheuen sich davor, ein Gesuch richtig auszufüllen. «Deshalb sind wir hier», unterstreicht Theo Halter, der Projektleiter der Initiative. «Wir setzen alles daran, dass Betroffenen geholfen wird und beim Einreichen ihres Gesuches unterstützt werden. Niemand müsse befürchten, sich outen zu müssen. Zahlreiche Anlauf- und Beratungsstellen nehmen sich der Gesuche an und helfen bei der Aktenbeschaffung.

Sämtliche Hürden sollen abgebaut werden

So auch in St.Gallen, wo sich Betroffene aus den Kantonen St . Gallen und beider Appenzell an die Opferhilfe wenden können. «Wir helfen beim Ausfüllen des Gesuches und bei Bedarf, gemeinsam vorhandene Akten zu durchsuchen. Menschen, die sich fürchten, so tief in ihre oft traumatische Vergangenheit zu schauen, können diese Suche auch der Opferhilfe überlassen», sagt Brigitte Huber.

Gesuchsformulare: 058 462 42 84, www.fszm.ch; Opferhilfe: 071 227 11 00

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.