ST.GALLEN: Zeit für die von nebenan

Am 27. Mai feiert St.Gallen den ersten Tag der Nachbarn. Das Programm erstellen die Bewohner selbst – Hauptsache, sie treffen sich. Aber kennt hier nicht ohnehin jeder jeden?

Katharina Brenner
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Das Schaufenster der Stadtpolizei an der Neugasse 5 ist mit Anregungen für den Tag der Nachbarn dekoriert. (Bild: Urs Bucher)

Das Schaufenster der Stadtpolizei an der Neugasse 5 ist mit Anregungen für den Tag der Nachbarn dekoriert. (Bild: Urs Bucher)

ST.GALLEN. Der Quartierbeauftragte der Stadt, Peter Bischof, weiss nicht, was ihn am Tag der Nachbarn erwartet. Und das, obwohl er den Anlass am 27. Mai betreut. Nach Zürich ist St.Gallen die zweite Stadt in der Deutschschweiz, die den Tag organisiert. In der Welschschweiz gibt es ihn seit 2004. Entstanden ist die Idee 1999 in Paris. Mittlerweile feiern Menschen in 36 Ländern einmal jährlich den Tag der Nachbarn.

Spielnachmittag und Grillabend

Worum geht es? «Wir geben einen Anstoss, Zeit mit den Nachbarn zu verbringen», sagt Bischof. Das könne ein gemeinsames Frühstück, ein Spielnachmittag für gross und klein, ein Apéro oder ein Grillabend sein. Die Stadt hat ein Ideenblatt veröffentlicht mit Tips (siehe Zweittext). Es geht vor allem um Treffen im Privaten. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Quartierbeauftragte von den wenigsten Anlässen etwas weiss.

Auch er nimmt den Tag zum Anlass, als Privatperson seine Nachbarn zusammenzubringen. Er wohnt in der Innenstadt. Im Haus gebe es Wohnungen, ein Kulturlokal, ein Restaurant und einen Laden. «Wir treffen uns im Restaurant zum gemütlichen Beisammensein und auch die Betreiber des Kulturlokals und des Ladens sind eingeladen.»

Kleine Stadt und aktive Vereine

Bischof sagt, er fände es schön, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt den Tag zum Anlass nähmen, um die Menschen in ihrer nächsten Umgebung besser kennenzulernen. Aber ist das in einer Stadt mit knapp 80 000 Einwohnern und einem aktiven Vereinsleben überhaupt notwendig? Kennt da nicht jeder jeden?

«Es stimmt, St.Gallen ist keine grosse Stadt», sagt Bischof. Doch es sei überhaupt nicht selbstverständlich, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner eines Hauses kennen. Es spreche vieles für die Durchführung eines Nachbarschaftsanlasses: Neuzuzüger, Pendler, die den ganzen Tag unterwegs sind, eine Studierenden-WG mit einer Art Eigenleben, ältere Personen, die nicht mehr viele Kontakte pflegten, oder Vorurteile, wenn Menschen aus unterschiedlichen Ländern zusammenleben.

Unterstützung im Alltag

«Der Anlass soll Vertrauen untereinander schaffen», sagt Bischof. So entstünden neue Kontakte und vielleicht auch Hilfeleistungen wie Pflanzen giessen, Briefkasten leeren, oder sich mit Lebensmitteln aushelfen, die man gerade nicht vorrätig hat.

Auch der Präsident der Vereinigten Quartiervereine Ramon Gubelmann sagt, das Leben in St.Gallen sei zum Teil anonym. Die Quartiervereine hätten auf den Tag der Nachbarn hingewiesen. Ob er ein Erfolg werde, hänge auch vom Wetter ab, sagt Gubelmann. «Die Aktion gibt sicher einen Denkanstoss.»

So etwa in der Lachen. Der Quartierverein Lachen grilliert am 27. Mai – unabhängig vom Tag der Nachbarn. Verschiedene Bewohner festen dafür gemeinsam an einem Tag im Sommer, heisst es. Beispiele für Anlässe am 27. Mai kommen von «Nacht Gallen» und der «Nachbar». «Nacht Gallen» organisiert im «Oya» und «Baracca» an diesem Tag Nachbarschaftstreffs. Am Nachmittag und frühen Abend kann man sich dort treffen und mit den Leuten von «Nacht Gallen» plaudern. Die «Nachbar» im Schwyter-Uni-Beck öffnet abends für ihre Nachbarn.

Erste von weiteren Aktionen

Geht es nach Bischof, bleibt es nicht bei diesem einen Tag. «Unser Ziel ist es, den Anlass von jetzt an jedes Jahr zu bewerben.» Er würde sich freuen, wenn ihm Leute Fotos von den Treffen schicken könnten, sagt er. «Dann hätten wir fürs kommende Jahr anschauliche Beispiele.»

peter.bischof@stadt.sg.ch