ST.GALLEN: "Wir gehen immer vom Schlimmsten aus"

Ein 38-jähriger Mann ist am Mittwochabend am St.Galler Bahnhofplatz auf einen Baukran geklettert und drohte damit, sich in die Tiefe zu stürzen. Der Leiter der Verhandlungsgruppe der Kantonspolizei erklärt, wie in solchen Situationen vorgegangen wird.

Patrick Baumann
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Die Feuerwehr hat die Verhandler mittels Hubretter zum Suizidgefährdeten hochgebracht.

Die Feuerwehr hat die Verhandler mittels Hubretter zum Suizidgefährdeten hochgebracht.

Grosse Teile des St.Galler Bahnhofplatzes waren gestern Abend zur Hauptverkehrszeit abgesperrt. Erst nach drei Stunden konnte der selbstmordgefährdete Mann von seinem Vorhaben abgebracht werden. Rund 30 Polizisten und Rettungskräfte standen im Einsatz. Unter ihnen Florian Wasserfallen*, der Leiter der Verhandlungsgruppe der Kantonspolizei. Er wurde per Feuerwehr-Hubretter zum 38-Jährigen hochgeschickt und führte die Verhandlungen mit dem Suizidgefährdeten.

"Bei unseren Einsätzen sind wir das Sprachrohr der Polizei, beziehungsweise der Einsatzleitung", sagt Wasserfallen. "Zuerst versuchen wir mit der gefährdeten Person ins Gespräch zu kommen. Gerade bei Krisentätern und Suizidenten spielen dabei Empathie und psychologische Faktoren eine grosse Rolle." Gestern habe er mit dem 38-Jährigen über längere Zeit ein gutes Gespräch geführt. Trotzdem müsse man immer vorsichtig bleiben. "Bei unserer Arbeit gehen wir immer vom Schlimmsten aus", so Wasserfallen.

Wege aus der Krise aufzeigen

Gespräche mit Suizidgefährdeten zu führen, ist eine heikle Aufgabe. "Als polizeiliche Verhandler stehen uns keine langen Therapiesitzungen zu Verfügung. Wir müssen in kurzer Zeit versuchen, den Betroffenen Wege aus der momentanen Krise aufzuzeigen", sagt Wasserfallen. "Wir stellen häufig fest, dass solche Personen durchaus weiterleben wollen, allerdings nicht so wie bisher. Wir versuchen dann lebenswerte Faktoren herauszufinden."

Erschwerend komme hinzu, dass es an Orten wie an einem Hauptbahnhof sofort Schaulustige gebe. "Gestern war es zum Glück sehr kalt und schon dunkel, was den Zuschaueraufmarsch in Grenzen hielt."

Verhandler sind keine Psychologen

Bei den Einsatzkräften der Verhandlungsgruppe handle es sich nicht um Psychologen, sondern um Polizisten, die für solche Situationen psychologisch und in Gesprächstechniken geschult werden. "Polizeiliche Verhandler werden bei Krisentätern, Verbarrikadierungen, Suizidenten, bei Geisel- und Bedrohungslagen eingesetzt", sagt Wasserfallen. Die Einsätze pro Jahr bei der Kantonspolizei St.Gallen variieren im einstelligen Bereich. Die Tendenz sei jedoch steigend. Die Einsätzkräfte der Verhandlungsruppe setzen sich mitunter auch selbst Gefahren aus. "Die eigene Sicherheit geht jedoch immer vor", sagt Wasserfallen. "Manchmal müssen wir aber ein kalkuliertes Risiko eingehen, um eine Situation entspannen zu können."

*Die Kantonspolizei möchte den Namen im Hinblick auf künftige Einsätze nicht bekannt geben. Daher wurde der Name geändert.