ST.GALLEN: Viele halten die Attestlehre durch

Schweizweit werden über 20 Prozent der zweijährigen Lehrverträge aufgelöst. In St.Gallen sind es deutlich weniger. Das kantonale Amt für Berufsbildung sieht darin einen Beweis für die gute Arbeit von Firmen und Berufsberatung.

Sina Bühler
Drucken
Teilen
Steinsetzer ist einer von rund 60 Berufen, für die es in der Schweiz zweijährige Attestlehren gibt. (Bild: fotolia/Thomas Söllner)

Steinsetzer ist einer von rund 60 Berufen, für die es in der Schweiz zweijährige Attestlehren gibt. (Bild: fotolia/Thomas Söllner)

ST.GALLEN. Seit elf Jahren gibt es die Attestlehre (EBA). Sie ersetzt die frühere Anlehre und ist vor allem für praktisch begabte Jugendliche mit schulischen Schwierigkeiten gedacht. Die neuesten Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen: Den Abschluss mit dem Eidgenössischen Berufsattest schaffen drei von vier Jugendlichen in der vorgesehenen Zeit von zwei Jahren. Diese Daten sind vom Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung genauer untersucht worden: auf Branchen, Arbeitsort, Nationalität und Geschlecht der Lernenden.

17,4 Prozent hörten auf

Laut der Studie haben St.Galler Jugendliche besonders gute Chancen auf einen schnellen Abschluss ihrer Attestlehre. Von den 419 Lernenden im Kanton, die im Sommer 2012 ihre Ausbildung begonnen hatten, lösten nur 73 ihren Lehrvertrag vorzeitig auf. Das sind 17,4 Prozent – damit steht der Kanton an dritter Stelle hinter Luzern und dem Jura. Die beachtlichen kantonalen Differenzen erklärt die Studie mit mehreren Faktoren. Beispielsweise mit dem Verhältnis der EBA-Lehrverträge zur Summe aller Lehrverträge: Je mehr Jugendliche in einem Kanton die Attestlehre absolvieren, desto kleiner ist das Risiko eines Lehrabbruchs. Weitere Faktoren seien die Stellensituation und die Maturitätsquote sowie die Ressourcen, welche der Staat für die Unterstützung dieser Jugendlichen einsetze.

Fredy Fritsche, Leiter der Lehraufsicht beim kantonalen Amt für Berufsbildung, freut sich über das Resultat: «Die duale berufliche Grundbildung hat im Kanton St.Gallen einen sehr hohen Stellenwert.» Viele Jugendliche wählten nach ihrer Schulzeit den Weg in die berufliche Grundbildung. «Die Firmen leisten sehr viel und unterstützen und fördern ihre Lernenden während der Ausbildungszeit», betont Fritsche. Und auch die Berufs- und Laufbahnberatung mache einen guten Job, denn die Chancen auf einen erfolgreichen Berufsabschluss seien grösser, je besser eine Lehre den Fähigkeiten und Neigungen der Lernenden entspreche. Abgesehen von ungenügenden Leistungen sei die falsche Berufs- oder Stellenwahl der häufigste Grund für einen Abbruch der Ausbildung.

Hohe Wiedereinstiegsquote

Bei Auflösungen von Lehrverträgen ist der Kanton immer involviert. Die Berufs- und Laufbahnberatung hilft bei der Suche nach einer neuen Lehrstelle oder einer allfälligen Neuausrichtung. Die Studie zeigt auch, dass ein beachtlicher Teil der Jugendlichen nicht aufgibt, nur weil es mit der ersten Lehrstelle nicht geklappt hat. Sie wechseln in einen anderen Betrieb, oder in einen anderen Beruf. Die kantonale Lehraufsicht erfährt immer davon, denn Lehrverträge und deren Auflösungen müssen vom Amt für Berufsbildung genehmigt beziehungsweise bestätigt werden. «Wird ein Lehrverhältnis aufgelöst, findet oft ein Gespräch mit der Lehraufsicht statt. Dabei versuchen wir immer auf Anschlusslösungen hinzuarbeiten», sagt Fredy Fritsche. Mit Erfolg, denn die Wiedereinstiegsquote liegt in St. Gallen ebenfalls über dem Durchschnitt. Demnach findet jeder zweite EBA-Lernende nach einer Lehrvertragsauflösung innert zwei Jahren einen neuen Ausbildungsplatz.

Differenzen zwischen Branchen

Grosse Unterschiede gibt es auch von Branche zu Branche. Demnach werden bei Coiffeursalons 40 Prozent der Verträge mit Attestlernenden aufgelöst. In Gastronomiebetrieben sind es 35,6 Prozent. Zum Vergleich: Wer im Bereich Datenbanken und Netzwerkdesign eine Ausbildung macht, riskiert den Abbruch nur zu 12,8 Prozent, im Gesundheits- und Sozialwesen sind es 14,3 Prozent.

Kann Fredy Fritsche diese Zahlen bestätigen? In St.Gallen seien in den erwähnten Branchen Parallelen erkennbar, antwortet der Leiter der Lehraufsicht. Allerdings seien bei diesen Berufen auch die Wiedereinstiegsquoten teilweise deutlich höher. Gemäss Fritsche würden verstärkte Kontrollen der betroffenen Branchen aber keine bessere Quote bringen. «Lehrbetriebe, die nicht geeignet sind, erhalten bereits heute keine Bildungsbewilligung. Und wenn sich in einem Betrieb dennoch Lehrvertragsauflösungen anhäufen, intervenieren wir sehr rasch.»

Männer brechen häufiger ab

Die Studie zeigt auch, dass mehr Lehrverträge von Männern (26,9 Prozent) als von Frauen (21,6 Prozent) aufgelöst werden. Und, dass die Abbruchquote für Schweizerinnen und Schweizer etwa gleich hoch ist wie für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Dies im Gegensatz zu verschiedenen kantonalen Untersuchungen, bei welchen – über alle Lehrverträge hinweg – ausländische Lernende weit häufiger abbrechen. «Das widerlegt erfreulicherweise gewisse Vorurteile», sagt Fritsche. Er ist gespannt auf die Ergebnisse der Studie zur EFZ-Lehre. Diese sollten Ende des kommenden Jahres publiziert werden.

Aktuelle Nachrichten