ST.GALLEN: Noten spalten Kanton und Stadt

Die Regierung will der Stadt vorschreiben, wie sie ihre Schülerinnen und Schüler beurteilen soll: mit ganzen und halben Noten. Für die Stadt wäre dies ein Schritt zurück, denn Halbnoten wurden bereits abgeschafft.

Christoph Renn
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Schülerinnen und Schüler der Grundstufe werden in der Stadt nur noch mit ganzen Noten beurteilt. Dies will der Kanton nun wieder ändern. (Bild: Urs Bucher)

Schülerinnen und Schüler der Grundstufe werden in der Stadt nur noch mit ganzen Noten beurteilt. Dies will der Kanton nun wieder ändern. (Bild: Urs Bucher)

Christoph Renn

christoph.renn@tagblatt.ch

Schulnoten bleiben ein heisses Eisen. Denn in der kommenden Februarsession wird im Kantonsrat eine vorberatende Kommission eingesetzt, die den Nachtrag zum Volksschulgesetz berät. Und dieser Nachtrag hat es für die Stadt St. Gallen in sich: Denn der Regierungsrat schlägt dem Kantonsrat vor, dass die Beurteilung der Schülerinnen und Schüler mit ganzen und halben Noten erfolgen müsse und nicht mehr im ­Ermessen des Schulträgers liege. Unglücklich wäre diese Änderung für die Stadt deshalb, weil sie eben erst für das Zeugnis des zu Ende gegangenen Schuljahres ein neues Beurteilungssystem eingeführt hat. Und darin wird auf Halbnoten verzichtet.

Eine erneute Umstellung für Eltern und Lehrer

Bereits bei der Einführung des neuen Beurteilungssystems in den städtischen Schulen auf der Grundstufe hat es Diskussionen gegeben. So hat der Verband der Lehrpersonen, Sektion St. Gallen, dem Schulamt vorgeworfen, bei diesem Thema vorzupreschen (Ausgabe vom 27. Mai 2016). Dieses Argument lässt Stadtrat Markus Buschor aber nicht auf sich sitzen: «Die Stadt St. Gallen hat in aller Sorgfalt und im Rahmen der aktuell geltenden Gesetzgebung, von langer Hand geplant, die Lehrpersonen auf die kompetenzorientierte Beurteilung vorbereitet.» Noch im November 2013 nämlich habe das Erzie­hungsdepartement den Verzicht auf halbe Noten als zulässig erklärt. Dies im Rahmen des Projekts Kofa (Kompetenzen fördern und abbilden). Erst im Februar vergangenen Jahres sei es dann zu einer Kehrtwende im Kantonsrat gekommen. Deshalb betont Buschor, dass «man an den städtischen Schulen in der Vergangenheit bis heute geltendes Recht eingehalten hat und dies auch in Zukunft tun wird».

Das geltende Recht könnte den städtischen Schulen aber bald einen Strich durch die Rechnung machen. Je nach Entscheid des Kantonsrates müssten Halbnoten und die Noten 1 und 2 wieder eingeführt werden. Für Lehrpersonen und Eltern würde dies eine erneute Umstellung bedeuten. Markus Buschor ist zwar weiterhin der Ansicht, dass der Verzicht auf Halbnoten mit Blick auf den Lehrplan 21 die richtige Lösung ist. Doch werde die Stadt «natürlich» die Weisungen des Kantons akzeptieren und umsetzen. «Es wird hohe Sorgfalt angewendet, wenn es nun darum geht, zu beurteilen, wie das weitere Vorgehen aussieht.» Die Stadt werde nichts überstürzen. «Diese Beurteilung wird nicht voreilig erfolgen, denn es steht zurzeit noch gar nicht fest, wie die Politik auf die Botschaft reagieren wird.»

Der Lehrplan 21 wird wie geplant umgesetzt

Noch im Mai sagte Florian Sauer, Abteilungsleiter Schulen im Zentrum und Westen der Stadt, gegenüber dem Tagblatt, dass die Einführung des Lehrplans 21 mit Halbnoten scheitere. «Scheitern ist ein hartes Wort. Es bringt aber den Widerspruch zwischen Lehrplan 21 und Halbnoten zum Ausdruck», sagt Buschor. «Wir können mit dem in der Botschaft der Regierung angedachten Beurteilungssystem arbeiten.» Doch sei der Verzicht auf Halbnoten ganz im Sinn des Lehrplans 21. «Die Arbeit der Lehrpersonen wird so nur anspruchsvoller.» Dies ändere jedoch nichts daran, dass die Lehrkräfte in Zukunft kompetenzorientiert urteilen müssen.

Die Stadt darf nicht mehr selbst entscheiden

Wie genau die Schülerinnen und Schüler der Stadt in Zukunft beurteilt werden, steht noch in den Sternen. Sicher ist, dass es Veränderungen geben wird. Die Frage ist nur, welches Notensystem sich durchsetzt. Entscheidet sich der Kantonsrat nämlich dazu, der Stadt offenzulassen, ob sie mit oder ohne Halbnoten beurteilt, dann wird das Notensystem nicht nur beibehalten, sondern auch ausgebaut. So will die Stadt bald auch die Fünft- und Sechstklässler ohne halbe Noten beurteilen. Bis zum Jahr 2023 soll sich die­sesAABB22System dann in der Stadt bis und mit Oberstufen niederschlagen. So hat es das Schulamt zumindest geplant. Entscheidet der Kantonsrat anders, muss das Schulamt nochmals über die ­Bücher.

Die Stadt hat laut Markus Buschor mit dem Verzicht auf Halbnoten nichts falsch gemacht. Und: «Wir haben die Ressourcen gut in die Vorbereitung der Lehrpersonen auf den Lehrplan 21 investiert.» Klar sei auch, dass er sich an der politischen Diskussion beteiligen werde.