St.Gallen muss hoch hinaus

ST.GALLEN. Die Architektur-Zeitschrift «Hochparterre» gibt ein Sonderheft über St.Gallen heraus. Eine Kunstaktion mit Elisabeth Beéry enthüllte ein freundliches Stadtporträt aus Architektur-Sicht.

Daniel Klingenberg
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Blättern im Adventsgeschenk: Stadträtin Elisabeth Beéry, Stadtbaumeister Erol Doguoglu, dazwischen «Hochparterre»-Redaktor Werner Huber. (Bild: Ralph Ribi)

Blättern im Adventsgeschenk: Stadträtin Elisabeth Beéry, Stadtbaumeister Erol Doguoglu, dazwischen «Hochparterre»-Redaktor Werner Huber. (Bild: Ralph Ribi)

Farbe ist nicht gefragt an der Vernissage des «Hochparterre»-Heftes über die Stadt St. Gallen. Der Raum im Geschäftshaus am Blumenbergplatz 3 füllt sich am Mittwochabend rasch mit dunkelgekleideten Wesen, die feine Brillen und graue Haare tragen. Soziologen würden vom Architekten-Milieu sprechen.

Kein Psychohygiene-Heft

Überdeckt von einer städtischen Fahne wartet «St. Gallen entdecken – Das Zentrum der Ostschweiz mit neuem Schwung» auf seine Enthüllung. Das Heft enthalte einen «breiten Blick» auf die Gallusstadt, sagt Stadtbaumeister Erol Doguoglu. Ein Strick baumelt von der Decke, daran darf Stadträtin Elisabeth Beéry ziehen. Akustisch untermalt schnellt die Fahne schwungvoll weg – die Mini-Kunst-Aktion klappt.

Beim Editorial – «Hinter Winterthur hört die Schweiz auf» – und auch bei der Ansprache – St. Gallen neige zur Selbstkritik, aber jetzt wolle man endlich mal neues Selbstbewusstsein zeigen – beschleicht einen das Gefühl: Nicht schon wieder ein Psychohygiene-Heft. Nicht schon wieder eine Kultivierung der Trauerarbeit über die vergangene Leinwand- und Stickerei-Grösse.

Dieser Eindruck korrigiert sich aber rasch. Auf 40 Seiten ist ein freundliches Porträt aus – aber nicht nur – Architektur-Sicht von St. Gallen entstanden. Die Texte sind lesenswert, die Bilder teils gewöhnungsbedürftig. So zeigt sich die Logik des Titelbildes «eingerüsteter Bischofssitz» erst, wenn man es zusammen mit der Heftrückseite anschaut.

St. Galler Hochhauskultur

Wohltuend ist, dass zwar aus Distanz geblickt, aber immer wieder das Zoom genommen wird. Die bauliche Entwicklung der Stadt wird abhängig von Topographie, Wirtschaft und Verkehr gedacht. St. Gallens Lage ist ein Sonderfall für eine Stadt, was Einfluss auf die Wachstumspläne hat. Denn Wachsen «in die Breite ist nicht möglich und in die Länge nicht attraktiv».

Die logische Konsequenz: «Mehr Hochhäuser.» Das sagt Elisabeth Beéry im Interview, wenn sie St. Gallen im Jahr 2020 vor sich sieht. Will die Stadt wachsen, muss sie – neben der verdichteten Bauweise – hoch hinaus. Mit den Hochhäusern aus den 1970er-Jahren – «Silberturm» und Rathaus – habe sich mit der Fachhochschule und anderen Türmen eine «Hochhauskultur» entwickelt, heisst es in einem Beitrag. «Türme, die Zeichen setzen, ohne aufzutrumpfen.»

Dass das Wachstum in St. Gallen moderat ist, hat Auswirkungen auf den Wohnungsbau. Weil der Druck auf dem Wohnungsmarkt fehle, spriessen – im Städtevergleich – wenig Neubauten aus dem Boden. Was sich auf die Qualität auswirkt: Vermisst wird der «geniale Wurf», statt dessen herrsche «anständiger Durchschnitt» vor.

Bald ein Schub in St. Fiden

Wenn Platz knapp ist, sind Baulandreserven begehrt. Den Arealen Güterbahnhof und St. Fiden ist denn auch ein Text gewidmet. Ein Schub wird im Raum Bahnhof St. Fiden erwartet, das mit dem Start der S-Bahn 2013 zu einem der besterschlossenen Punkte im Grossraum St. Gallen wird.

Hochparterre, die «Zeitschrift für Architektur und Design», hält der Gallusstadt einen realistischen Spiegel vor. Kritische Beiträge etwa über sehr wohl vorhandene Architektursünden oder die harschen Auseinandersetzungen bei Platzgestaltungen fehlen zwar. Aber schliesslich ist Advent.

«St. Gallen entdecken», bestellen unter www.hochparterre.ch, Fr. 15.–