ST.GALLEN: «Lattich» macht Winterschlaf

Die Zwischennutzung «Lattich» am Güterbahnhof feiert heute Saisonschluss. Die Container werden wieder abtransportiert, die Kulturhalle wird geräumt. Doch Fortsetzung folgt: 2018 soll auf dem Areal ein ganzes Dorf stehen.

Roger Berhalter
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Feuerspektakel gehörte ebenfalls zur Zwischennutzung auf dem Güterbahnhof-Areal. (Bild: PD)

Feuerspektakel gehörte ebenfalls zur Zwischennutzung auf dem Güterbahnhof-Areal. (Bild: PD)

Auf dem Güterbahnhof-Areal passiert derzeit einiges. Das dürfte jedem aufgefallen sein, der in den vergangenen sechs Monaten einmal durch die Brache spaziert ist. Im Rahmen des Projekts «Lattich» wuchsen in Hochbeeten Kräuter und Gemüse, es wurde gekocht und ausgeschenkt, die Container im Freien dienten Musikern und Schauspielern als Arbeitsort. Auch drinnen, in einer gemieteten Halle der SBB, fanden regelmässig Kulturanlässe statt, vom Tanztheater bis zur Kunstausstellung, vom A-cappella-Konzert bis zum Flohmarkt. «Es ist eindrücklich, wie viel Engagement sich da gezeigt hat», blickt Gabriela Falkner, Co-Präsidentin des Vereins Lattich, zufrieden auf die vergangenen Monate zurück. «Der ‹Lattich› ist zum öffentlichen Ort geworden.»


Beete, Bilder und eine Beiz

Das Projekt Lattich ist nicht leicht zu fassen. In der ersten Saison 2016 war es noch überschaubar: In einer Lagerhalle der SBB fanden während einiger Monate Kulturanlässe statt. 2017 aber wuchs «Lattich» und machte den Schritt nach draussen: Container wurden aufgestellt, eine Holzterrasse gebaut, ein kleines Restaurant eröffnet, mehr Beteiligte ins Boot geholt. So sollte Leben in die Brache einkehren. «Lattich» besteht mittlerweile aus neun Teilprojekten. In den Containern haben sich das Theater St. Gallen, das frühere Jugendsekretariat, die Schule für Gestaltung sowie der Musiker Roman Rutishauser und sein Sohn eingemietet. Für die Hochbeete ist das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) zuständig, der junge Gastronom Rafael Niederkofler hat die «Lattich»-Beiz übernommen und Spielpädagoge Andreas Rimle einen Spielweg auf dem Areal eröffnet. Koordiniert und zusammengehalten wird diese Vielfalt vom vierköpfigen Vorstand des Trägervereins.

Presslufthammer und Bungee-Seile

Das Kulturprogramm in der Halle wurde im vergangenen Halbjahr professionell betreut, von Kulturmanagerin Ann Katrin Cooper und Tänzer Tobias Spori. «Es war schön zu sehen, wie in diesem Raum etwas entstehen konnte», sagt Cooper. Die rohe, 650 Quadratmeter grosse Industriehalle bot viel Platz, und es sei dort möglich gewesen, was sonst in der Stadt nirgends möglich sei. Etwa Proben für ein raumgreifendes Tanztheater mit Bungee-Seilen. Oder ein ratternder Presslufthammer mitten in einer Kunstausstellung. Die Halle stand auch regelmässig Künstlern eine Woche lang als Arbeitsort zur Verfügung. Die Kuratoren und Cooper und Spori ziehen sich nun zurück. Doch auch in der nächsten «Lattich»-Saison 2018 soll es wieder eine Kulturhalle geben.


Frischen Wind ins «Lattich»-Quartier brachten dieses Jahr Jugendliche. Koordiniert vom städtischen Jugendsekretariat nahm ein 16-köpfiges Kollektiv einen Container in Beschlag. Dieser «Flontainer» wurde laut Projektleiter Menno Labruyère gut und unterschiedlich genutzt: «In diesem halben Jahr wurde gemalt, gesprayt, fotografiert, musiziert, gepflanzt, getanzt, gezimmert und gegrillt.» Die Jugendlichen hätten sich von der Umgebung inspirieren lassen und sich den Ort angeeignet. Man wolle wenn möglich auch im nächsten Jahr wieder die Chance nutzen, «diesen bunten Ort mitzugestalten».

Denn klar ist: Das Projekt Lattich geht weiter. Nicht nur die Jugendlichen des «Flontainers» wollen wieder mitmachen. Laut Gabriela Falkner sind auch schon erste Daten in der Kulturhalle reserviert. Die Zwischennutzung dürfte 2018 noch grösser und bunter werden, geplant ist im nächsten Jahr ein ganzes Containerdorf. Diese Vision ist nicht neu, doch so konkret wie noch nie. Falkner: «Der positive Bescheid zum Vorverfahren für die Baubewilligung liegt vor.»