ST.GALLEN: Kein Geld mehr für die Projekt-Werkstatt

Der Kanton hat der Projekt-Werkstatt im alten Güterbahnhof den Geldhahn zugedreht. Für das Arbeitslosenprojekt würde dies das Aus bedeuten. Die Verantwortlichen des Projekts rekurieren gegen den Entscheid, beim Kanton gibt man sich verschlossen.

Luca Ghiselli
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Vor dem Aus: Die Projekt-Werkstatt in St.Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

Vor dem Aus: Die Projekt-Werkstatt in St.Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

Hansueli Salzmann hat schwierige Woche n hinter sich. Der Geschäftsleiter der Projekt-Werkstatt im alten Güterbahnhof musste seine sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darüber informieren, dass der Regierungsrat die jährlichen Beiträge an das Projekt ab 2018 einstellt und stattdessen künftig eine andere Institution in der Region unterstützt, wie "FM1 Today" berichtete. Dies, obwohl die Institution bei der St.Galler Bevölkerung äusserst beliebt ist und sich seit ihrer Gründung 1994 in der Stadt etabliert hat. Gegen ein kleines Entgelt reparieren, verkaufen und entsorgen hier Stellensuchende Velos. "Ohne den Beitrag können wir nicht weiter bestehen", sagt Salzmann .

"Wir waren auf einem guten Weg"

Er sei, wie alle seiner Mitarbeiter, aus allen Wolken gefallen, als der Beschluss des Regierungsrats ins Haus flatterte. Darin begründet die Regierung ihren Entscheid mit wirtschaftlichen Überlegungen: Die Kosten für das Einsatzprogramm, das den Zuschlag erhalten habe, lägen rund einen Drittel unter dem Beitrag, den die Projekt-Werkstatt jeweils erhalten habe.

Noch ist das letzte Wort aber nicht gesprochen. Die Verantwortlichen der Projekt-Werkstatt haben gegen den Entscheid des Kantons Rekurs eingereicht. Doch auch das löst die Probleme der Institution nicht. "Bis der Rekursentscheid vorliegt, wird es wohl Herbst", sagt Salzmann. Bis dahin lebe man in Ungewissheit, was sich nicht nur auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern auch auf die Mietsituation auswirken würde. "Wir waren auf gutem Weg, haben einige Veränderungen vorgenommen und hätten diesen Weg sehr gerne weiterverfolgt", sagt Salzmann, der die Projekt-Werkstatt im vergangenen Jahr von deren Gründer Andreas Frank übernommen hat. So habe man zum Beispiel in letzter Zeit den Kundenbereich ausgebaut und verschiedene Abläufe weiter professionalisiert. "In kaum einem anderen ähnlichen Betrieb sind Stellensuchende so nah am ersten Arbeitsmarkt wie bei uns", sagt Salzmann.


Andere Trägerschaft wäre denkbar

Neben dem Rekurs steht ihm noch eine zweite Option offen: die Suche nach einer neuen Trägerschaft. "Das werden wir nun abklären", sagt er. Sollte eine solche Lösung gefunden werden, würde sich aber die Frage stellen, wie die Vermittlung der Stellensuchenden dann abliefe. Diese laufe derzeit nämlich über die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). Würde die Unterstützung des Kantons wegfallen, wäre das nicht mehr möglich. "Aber das ist momentan noch Zukunftsmusik."

Beim Kanton zeigt man Verständnis für den Ärger. "Ich kann verstehen, dass sich viele Personen an die Institution gewöhnt haben und nun den Entscheid nicht nachvollziehen können", sagt Rolf Wirth, Öffentlichkeitsbeauftragter beim Amt für Wirtschaft und Arbeit, das für Einsatzprogramme wie die Projekt-Werkstatt zuständig ist. Es sei aber nicht möglich, Aufträge freihändig zu vergeben. Man habe die Beitragsgesuche aber nach denselben Kriterien wie immer – die Beiträge werden alle vier Jahre neu ausgeschrieben – beurteilt. Bisher hatte die Projekt-Werkstatt aber keinen Mitbewerber. Das sei dieses Mal anders gewesen.

Keine Angaben zur Höhe des Beitrags

Zur Höhe des gesprochenen Beitrags und zur Institution, die anstelle der Projekt-Werkstatt unterstützt werden soll, wollen weder der Kanton noch die Verantwortlichen der Projekt-Werkstatt Angaben machen. "Es handelt sich um ein laufendes Verfahren", sagt Wirth. Die Projekt-Werkstatt sieht sich jedenfalls heute schon nach möglichen Alternativen um – und kann dabei mit Sicherheit auf eine grosse Unterstützung der Bevölkerung zählen.

"Wir wollen einen Stadtkanton"

In den sozialen Medien gingen die Wogen hoch, als bekannt wurde, dass der Kanton der Projekt-Werkstatt keinen Beitrag mehr zahlen will. Besonders Politikerinnen und Politiker links der Mitte hielten mit der Kritik am "sparwütigen" Kanton auf Facebook nicht zurück. "Seltsamer Kanton. Da ist etwas zielführend..." kommentierte zum Beispiel Stadtparlamentarierin Doris Königer (SP). Ihr Partei- und Ratskollege Etrit Hasler, der auch im Kantonsrat sitzt, hielt sich da weniger zurück. Es sei immerhin konsequent vom zuständigen Regierungsrat Bruno Damann: Er weigere sich seit seinem Amtsantritt, mit der Arbeit anzufangen. Und nun wolle er andere auch noch daran hindern. Die SP-Stadtpartei doppelte auf der offiziellen Seite dann noch nach: "Unfassbar", so ihr Fazit.

Auch abseits der aktiven Politikerprofile war die Empörung über das Aus für die Projekt-Werkstatt gross. "Goht’s no?", "Was soll der Mist?" und "Das ist eine Schande!" war zu lesen. Auch Direktbetroffene, die früher einmal im Betrieb arbeiteten, meldeten sich und bedauerten den Entscheid der Regierung. Das überwältigende Fazit: Es wird am falschen Ort gespart.

Die Wut auf den Kanton gipfelte schliesslich in der Lancierung einer Facebook-Seite mit dem Titel "Kanton Stadt St.Gallen". Die Forderung? Ein Stadtkanton nach Basler Vorbild. Der Anklang? Mit 22 "Gefällt mir" (Stand früher Donnerstagabend) bisher eher mässig. Immerhin gehören Stadtparlamentarier und Kantonsrat Michael Hugentobler (CVP) und die bereits erwähnte Doris Königer zur Gefolgschaft. Wer weiss, vielleicht tagt ja der Kantonsrat Stadt St.Gallen bald im Waaghaus. (ghi)