ST.GALLEN: Jeder zweite Apfel fehlt

Der Wintereinbruch Ende April zeitigt für Obstbauern schwere Folgen. Wegen der Kälte ist der aktuelle Behang der Obstbäume dürftig.

Sebastian Schneider
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Landwirt Ivo Sager hatte Glück im Unglück: Relativ viele Blüten überstanden die April-Kälte. (Bild: Noemi Heule)

Landwirt Ivo Sager hatte Glück im Unglück: Relativ viele Blüten überstanden die April-Kälte. (Bild: Noemi Heule)

Auch wenn es am Wochenende sommerlich warm werden soll: Noch vor nicht allzu langer Zeit, Ende April, lagen in der Stadt St. Gallen 30 Zentimeter Schnee. Erst jetzt, da die Früchte an den Bäumen wachsen, können Landwirte das Ausmass der Wetterkapriolen auf ihre Ernte einschätzen. Auf der kantonalen Fachstelle für Obstbau wurden Zahlen zusammengetragen. Die Auswertung zeigt, dass es für viele Obstbauern ein schwieriges Jahr wird. Bei den Äpfeln und Birnen werden im kantonalen Durchschnitt nur 30 bis 40 Prozent der Normalernte erwartet. Die Blüten an den Kirschbäumen vertrugen die Kälte besser, der Schätzwert liegt bei 50 Prozent. Zwetschgen hingegen dürfte es deutlich weniger als gewohnt geben: Die Landwirte erwarten einen schlechten Ertrag von 35 Prozent der Normalernte.

Versicherung gegen Frost?

Richard Hollenstein, Leiter der Fachstelle für Obstbau in Flawil, spricht vom «schlimmsten Jahr», das er je erlebt habe. «Seit 1980, seit ich es beurteilen kann, waren die Ausfälle nie so gross.» Wichtig sei allerdings zu betonen, dass die Unterschiede der Ausfälle gross seien, weil das Mikroklima eine entscheidende Rolle spiele. Gleichwohl würden nach diesem April viele Obstbauern mit extrem schlechten Ernteerträgen zu kämpfen haben; sie werden durch den Obstverband und die Fachstelle betreut und beraten.

Ivo Sager, Landwirt aus Lömmenschwil, gehört zu jenen Produzenten, die mit einem blauen Auge davongekommen sind. «Ich erwarte 50 bis 60 Prozent der Normalernte», sagt er. Apfelsorten wie Gala oder Rubinette hätten den Wintereinbruch gut überstanden. Anders sehe es aus bei Jonagold und Gravensteiner. «Das hängt vom Stadium der Blüte ab», erklärt Sager. Sind die Blüten offen oder bereits verblüht, vertragen sie die Kälte kaum noch. Keine Erklärung hat Sager für den Behang seiner Steinobstbäume: «Bei den Kirschen und Zwetschgen wird die Ernte gut, etwa 80 Prozent der normalen Werts. Keine Ahnung, wie das möglich war.»

Gegen das Wetter sind die Landwirte zwar machtlos, Massnahmen können sie trotzdem ergreifen. Und bei der Fachstelle brütet man über neue Ideen. «Eine Versicherung gegen Frost wäre sicher ein Mittel», sagt Richard Hollenstein. Ivo Sager ist davon nicht sehr angetan, keine Versicherung könne einem eine Kultur zurückgeben. Wichtig sei für ihn, auf verschiedene Sorten zu setzen. Und auf verschiedene Produkte. Der Obstbau sei auf seinem Hof nur eines von drei Standbeinen.