ST.GALLEN: Jeden Tag 640 Lichtlein

Nicht weniger als 160000 Opferkerzen werden jedes Jahr in der Kathedrale St. Gallen angezündet. Besonders viele sind es im Advent. Laut Domsakristan César Coronel gibt es kaum einen emotionaleren Ort in der Kathedrale.

Christina Weder
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Jedes Lichtlein symbolisiert einen Wunsch, ein Gebet. (Bild: Ralph Ribi)

Jedes Lichtlein symbolisiert einen Wunsch, ein Gebet. (Bild: Ralph Ribi)

Christina Weder

christina.weder@tagblatt.ch

Ein junger Mann zündet in der Kathedrale St. Gallen drei Kerzen an und bleibt einen Moment stehen. Er bitte für den Frieden in der Welt, sagt er auf die Frage, wofür er die Kerzen angezündet habe. Zudem stecke er mitten in den Prüfungen und hoffe, dass alles gut gehe. Er ist einer von vielen, die mit einer Bitte oder einem Wunsch zu den Opferkerzen in der Kathedrale kommen.

160000 Kerzen werden hier jedes Jahr angezündet. Besonders viele sind es im Advent. Pro Woche werden derzeit zwischen 4000 und 5000 Kerzen angezündet. Das sind rund 640 am Tag – «doppelt so viele wie sonst im Jahr», sagt Domsakristan César Coronel. «Die Leute denken in dieser Zeit an die Familie. Das ist schön.» Schliesslich sei Weihnachten ein Familienfest.

Zu den Opferlichtkerzen kämen längst nicht nur treue Kirchgänger. Die meisten, die hier einen Moment innehalten, haben etwas auf dem Herzen. Manche denken an ein verstorbenes Familienmitglied, andere beten für einen kranken Freund oder bitten um Unterstützung bei der Stellensuche. Eine ältere Dame erzählt, sie habe für ihren Schwiegersohn eine Dankeskerze angezündet. Er sei wohlbehalten von einer grossen Bergtour zurückgekehrt. Sie komme immer wieder in die Kathedrale, um eine Kerze anzuzünden, sagt die Frau: «Hier kann ich zur Ruhe kommen.»

«In einer Kirche darf es Wachsflecken haben»

Auch Domsakristan César Coronel sagt, es sei eindrücklich, wie die Leute vor den Kerzen sofort andächtig würden. Mit seinen beiden Kollegen kümmert er sich darum, dass immer genügend Kerzen vorhanden sind. Auch Wachs muss immer wieder weggeputzt werden. Coronel sieht es gelassen: «Wo Kerzen brennen, darf es auch ein paar Wachsflecken auf dem Boden haben. Wir sind hier in einer Kirche und nicht in einem Museum oder Spital.»

An den Wochenenden im Advent ist bei den Opferkerzen besonders viel los. Dann schaut César Coronel jede halbe Stunde vorbei, sortiert die niedergebrannten Kerzen aus, sorgt für Nachschub und legt neue Dochte zum Anzünden bereit. Wenn für neue Kerzen kein Platz mehr frei ist, bringt er die bereits brennenden Lichtlein zu einem Nebenaltar. Dort bleiben sie stehen, bis sie vollständig niedergebrannt sind. «Jede Kerze symbolisiert einen Wunsch oder ein Gebet. Deshalb können wir sie nicht einfach löschen», sagt er. Das wäre nicht im Sinne jener, die sie angezündet haben.

Hier haben schon viele geweint

Laut Coronel ist es ein sehr emotionaler Ort in der Kathedrale. «Bei den Kerzen kann man alle Gefühle miterleben, die das Leben bereithält: Von der Freude bis zur Trauer», sagt der Domsakristan. Er hat schon viele gesehen, die hier weinten. Er hat aber auch schon Paare beobachtet, die sich vor den Kerzen ihre Liebe versprachen. Und er hat über Kinder geschmunzelt, die sich beim Anzünden der Lichtlein auf die Zehenspitzen stellen mussten.

Beeindruckt ist er immer wieder, dass nicht nur Katholiken Kerzen anzünden, sondern auch Angehörige anderer Religionen. Er erkennt sie an bestimmten Ritualen – etwa daran, dass sie den Docht, der zum Anzünden benutzt wird, nicht ausblasen, sondern ausschütteln.

Pro Motivlicht wird ein Franken ins Kässeli geworfen. Im Advent kommen jede Woche 4000 bis 5000 Franken zusammen. Ein Teil des Geldes wird für neue Kerzen aufgewendet. Der andere Teil kommt Hilfsprojekten zugute. Alle drei Wochen wird ein neues Projekt bestimmt. Derzeit werden Mütter in Not unterstützt – ganz im Sinne jener Frau, die an diesem Tag ein Lichtlein anzündet und sagt: In der Weihnachtszeit wolle sie auch an jene denken, denen es nicht so gut geht.